Ethiopia: Across the Divide
Der britische Dokumentarfotograf beleuchtet in seiner Serie Ethiopia: Across the Divide eine besondere Form der Erhaltung kultureller Identität und des Zusammenhalts. Gewürze gelten als ein wichtiges kulturelles Gut in Äthiopien. Die Arbeit des Frauenkollektivs in der Gewürzmühle ist ein Akt der Resilienz und bewahrt die Identität der Gemeinschaft infolge des Krieges (2020–2022).
Das Interview
Wie sind Sie auf die Geschichte der frauengeführten Gewürzmühle in Aksum, Tigray aufmerksam geworden?
Die Hilfsorganisation CARE International und das New Lines Magazine haben mich beauftragt. Ich habe dokumentiert, wie sich 40 Jahre humanitärer Interventionen dieser Hilfsorganisation auf das Leben der Menschen ausgewirkt haben – insbesondere auf das von Frauen. Die außergewöhnliche Gruppe von Frauen, die die Gewürzmühle in Aksum betreibt, besteht aus Teilnehmerinnen des CARE-Programms „Women Lead in Emergencies“ (WLiE), das Frauen in der Erholungsphase nach dem Krieg schützen soll.
Wie hat die Atmosphäre der Gewürzmühle auf Sie gewirkt?
Ich erinnere mich noch sehr lebhaft daran, wie ich im Fahrzeug saß und wir an vielen unscheinbaren grauen Gebäuden vorbeifuhren. Als ich – nach einer freundlichen Begrüßung der Arbeiterinnen – ins Innere der Mühle trat, konnte ich kaum fassen, was ich sah. Die Qualität des Lichts, das durch die hohen Fenster fiel und den Gewürzstaub beleuchtete, während er aufstieg und wieder herabsank, war bewundernswert. Ich hatte das Gefühl, gerade in ein Ölgemälde einer beinahe biblischen Szene hineingetreten zu sein.
Welche Ausrüstung haben Sie für dieses Projekt verwendet, und wie hat Ihre Leica Sie bei dem Projekt unterstützt?
Da ich seit 2019 als Leica Fotograf tätig bin, ist die Ausrüstung zu einem wesentlichen Teil davon geworden, wie ich mich als Künstler ausdrücke. In meinen frühen Jahren mit Leica arbeitete ich vor allem mit der Mittelformatkamera S3 und mit der SL2. Als dann die M11 und die SL3 erschienen und dieselben charakteristischen, reichen und eindringlichen Farbtöne direkt aus der Kamera lieferten, änderte das alles. Ich fühlte mich die meiste Zeit mit der SL3 wohl. Besonders begeistern mich die Vorteile des Autofokus. Die M11 dagegen ist so diskret, dass ich damit sehr zurückhaltend arbeiten konnte und manchmal fast unbemerkt blieb.
Wie haben Sie mit dem vorhandenen Licht und der Atmosphäre gearbeitet, um die Stimmung der Bilder zu erreichen?
Meine Arbeit wurde von großen niederländischen und italienischen Malern beeinflusst. Ich ziehe Inspiration aus der Art von Malerei die eine Beziehung zwischen Licht und Dunkelheit aufzeigt. Ich arbeite nur mit dem Licht, das uns überall umgibt. Außerdem möchte ich mich beim Fotografieren von Porträts ganz auf meine Motive konzentrieren. Der Chili- und Gewürzstaub, der in der Mühle aufstieg und wieder herabsank, half dabei, das Licht aus den großen Fenstern zu streuen. Schon bevor ich den Auslöser drückte, wusste ich, dass die SL3 nahezu makellose Ergebnisse liefern würde.
Welche Auswirkungen hat der Krieg in Tigray heute auf das Leben der Menschen?
Die Auswirkungen und Schrecken des Bürgerkriegs von 2020 bis 2022 sind überall sichtbar: In den Gegenden, wo Kugeln Löcher in die Wände von Gebäuden geschlagen haben und noch viel mehr in den Traumata der Menschen. Für die Mehrheit der Menschen klingt das Wort „Erholung“ wie eine ferne Fantasie. Der Tigray-Krieg führte dazu, dass 43 Prozent der Frauen irgendeine Form geschlechtsspezifischer Gewalt erlebten, psychisch, physisch oder sexuell. Auch heute bestehen nach wie vor zunehmende Spannungen in der Region Tigray.
Welche Rolle spielen Frauen in der lokalen Wirtschaft und Kultur in Tigray?
Die historische Rolle der Frauen in Tigray ist tief in der Folklore verankert. Makeda, so der äthiopische Name der Königin von Saba, regierte laut einer Legende das Königreich von ihrem Palast in Aksum aus. Regenten, furchtlose Kriegerinnen und wirtschaftliche Pionierinnen sind eng mit Aksum und Tigray verbunden. Heute treten Frauen in Äthiopien dank der Maßnahmen von Hilfsorganisationen deutlich in Projekten wie der Gewürzmühle als aktive Mitglieder der Gesellschaft in Erscheinung.
Welche Momente aus der Reportage sind Ihnen am stärksten im Gedächtnis geblieben?
Es gibt eine Reihe von Momenten, die mir in Erinnerung geblieben sind. Zum einen die Gruppe von Karate-Kindern, die ich bei einem 50-Kilometer-Lauf im kühleren Morgenlicht im majestätischen Hochland von Tigray sah, wo die Berge aus dem Wüstenboden aufragen. Zum anderen die beeindruckende Würde der halbnomadischen Viehhirtenfrauen der Region Afar, die ihre Hände mit dem Rauch der Dorffeuer schwärzten, als Zeichen von Schönheit. Ich erinnere mich außerdem an eine unglaublich mutige Überlebende sexueller Gewalt, die ihre Geschichte mit mir teilte.
Hat die Arbeit an diesem Projekt Ihre Sicht auf Resilienz oder Gemeinschaft verändert?
Wie es den Menschen in Tigray und in der benachbarten Afar-Region im Norden Äthiopiens gelungen ist, dennoch so viel Glück und Freundlichkeit zu zeigen, fand ich bemerkenswert. Resilienz ist eine starke Kraft des menschlichen Geistes, um zu überleben.
Über Paddy Dowling
Paddy Dowling ist ein international renommierter britischer Dokumentarfotograf, der in den vergangenen zehn Jahren das Leid der Menschheit in mehr als 75 Ländern dokumentiert hat. Er porträtiert Menschen, die von Konflikten, Vertreibung, Frauen- und Kinderhandel sowie vom Klimawandel betroffen sind. Seine Arbeiten erschienen unter anderem im Guardian, in National Geographic, The Independent, bei Al Jazeera English und im New Lines Magazine.