Zwischen Licht, Film und Dunkelkammer
Im Gespräch mit Kit Young
In einer Zeit, in der Bilder in Sekunden aufgenommen und veröffentlicht werden, steht die analoge Fotografie für Entschleunigung, bewusste Entscheidungen und eine enge Verbindung zum Entstehungsprozess. Der Fotograf Kit Young gehört zu einer wachsenden Zahl von Künstler, die diesem Medium bis heute treu geblieben sind. In diesem Interview sprechen wir mit ihm über seinen kreativen Prozess, seine Beziehung zum Film und die besondere Rolle, die die Dunkelkammer in seiner Arbeit spielt.
Im Zuge der digitalen Entwicklung: Was zieht dich immer wieder zur analogen Fotografie zurück? Was inspiriert dich an der Arbeit mit Film bis heute und welche Herausforderungen bringt sie mit sich?
Kit: Kurz gesagt: die Dunkelkammer.
Für mich bedeutet Fotografie mehr, als nur Bilder aufzunehmen – es geht auch darum, Bilder zu erschaffen. Ich sehe mich sowohl als Fotograf als auch als „Printmaker“. Ich finde, das ist ein wichtiger Unterschied. Ich fotografiere nicht nur, ich gestalte auch Fotografien. Der Fotograf in mir handelt intuitiv und spontan, reagiert auf Motive im Moment und denkt dabei oft kaum über mehr nach als über Linien, Formen und Tonwerte dessen, was sich vor mir befindet. Der „Printmaker“ in mir hingegen arbeitet methodisch und präzise, in einer fast meditativen Weise.
Natürlich brauche ich meine Kameras, um ein Negativ zu belichten. Ich betätige den Auslöser meiner Leica Filmkamera, und in einem Bruchteil einer Sekunde wird ein latentes Bild auf dem Film festgehalten. Der Prozess in der Dunkelkammer, beschäftigt mich dafür Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahre, um ihn zu erforschen und zu perfektionieren. Die Dunkelkammer bietet mir einen physischen Raum, in dem ich das Bild verfeinern kann, indem ich – metaphorisch gesprochen – die Schichten eines Negativs abtrage, um das freizulegen, was mich ursprünglich dazu veranlasst hat, das Foto aufzunehmen.
Von der Inspiration zum fertigen Bild
Jedes fotografische Projekt beginnt mit einer Idee, einer Beobachtung oder einem Ort. Gerade in der analogen Fotografie, in der unmittelbares Feedback fehlt, entwickeln sich viele Konzepte erst im Prozess und gewinnen dabei an Tiefe.
Kannst du uns durch deinen kreativen Prozess führen, wenn du ein neues Projekt oder eine Serie beginnst? Woher kommen deine Ideen, und wie entwickeln sie sich von einem ersten Gedanken bis zum fertigen Bild?
Kit: Ich denke, es ist wichtig, hier ehrlich zu sein: Ich hatte noch nie eine Idee für ein Projekt oder eine Serie und habe gezielt daran gearbeitet. Ich fotografiere zuerst und eine Serie oder ein Projekt offenbaren sich dann im Nachhinein.
Manchmal entsteht eine Werkserie bereits nach wenigen Stunden in einer Stadt. Manchmal braucht es jedoch Jahre oder sogar Jahrzehnte, bis sich eine Werkserie offenbart, wie bei meinen Venedig-Arbeiten und generell bei meinen Landschaftsaufnahmen.
Die Negative sind in der Dunkelkammer nicht immer leicht zu interpretieren, weil ich vor allem das innere Licht meiner Motive erkunde - mit „innerem Licht“ meine ich das Licht, das von den Subjekten selbst hervorgeht, anstatt auf sie zu fallen; ein Licht, das wie eine Konversation zwischen den Dingen erscheint, ein Licht, das der Landschaft selbst innewohnt und unweigerlich zum Himmel strahlt.
Oft ist es ein Buch, das ich gelesen habe und das mich dazu inspiriert, Zeit in einer bestimmten Landschaft zu verbringen und zu versuchen, ihren Geheimnissen auf die Spur zu kommen.
Meist bin ich schon lange vor Sonnenaufgang auf den Beinen, hänge mir eine Kamera um den Hals und mache mich in völliger Dunkelheit auf den Weg durch die Landschaft. Das hilft mir dabei, mich auf meine Umgebung einzustimmen und mich auf sie einzulassen. Zeit ist ein wichtiger Faktor in der Fotografie, für mich geht es dabei nicht darum, stets möglichst schnelle Ergebnisse zu erzielen. Wenn sich in der Arbeit Nuancen und Tiefe entfalten sollen, muss immer Raum für Erkundung, Umwege und unerwartete Entwicklungen bleiben. Ich erkunde gerne das, was sich als ein feiner Tanz zwischen dem Realen und dem Imaginären beschreiben lässt, bei dem Fotografien den Betrachter durch scheinbar unverbundene Momente in Zeit und Raum an einen anderen, parallelen Ort transportieren.
Das Unerwartete willkommen heißen
Eine der faszinierendsten Eigenschaften der analogen Fotografie liegt darin, dass nicht jeder Schritt vollständig kontrollierbar ist. Wie gehst du mit Fehlern, Unregelmäßigkeiten oder unerwarteten Ergebnissen um? Gab es Momente, in denen genau diese Zufälle deine Arbeit nachhaltig beeinflusst haben?
Kit: Das ist eine großartige Frage! Oft betrachte ich meine Negative und frage mich: Habe ich das wirklich gesehen? Es ist eine seltsame Frage, die man sich stellt, aber ich glaube, sie entspringt dem Gefühl, dass sich das Unbekannte und das Unerwartete miteinander verbunden haben, um etwas wirklich Erstaunliches hervorzubringen.
Wenn ich mit der Kamera unterwegs bin, nehme ich den Sucher ans Auge und fotografiere, sobald ich den Impuls dazu verspüre. So entstehen meine Bilder. Es gibt dabei keine bewusste Planung und Vorvisualisierung, es geht einzig darum, zu schauen, mich darin zu verlieren und auf die Formen, Linien und Tonwerte vor mir zu reagieren, mehr nicht. Es ist ein unbewusster Vorgang. Sobald ich zu viel darüber nachdenke, verflüchtigt sich die Faszination für die Szene, die ursprünglich mein Interesse geweckt hat.
Erst in der Dunkelkammer beginnt die eigentliche Denkarbeit, wenn der „Printmaker“ in mir nach Möglichkeiten sucht, die Negative zu interpretieren (manchmal ist das eine unmögliche Aufgabe!). Das Endergebnis besteht darin, die richtige Balance zwischen dem fotografischen Blick und der Vision des „Printmaker“ zu finden und das Negativ in etwas Greifbares zu verwandeln: einen einzigartigen, von Hand gefertigten Silbergelatine-Print.
Ich bin nicht sicher, ob ein Fotograf alles, was er sieht, stets bewusst wahrnehmen und verstehen kann. Mir scheint offensichtlich, dass das Unterbewusstsein in dem Moment, in dem der Auslöser betätigt wird, intensiv mitarbeitet. So präzise und fein die Instrumente auch sein mögen, verlangen Filmkameras meiner Ansicht nach, dass man an einem gewissen Punkt die vollständige Kontrolle aufgibt und lernt, das Unbekannte und Unerwartete zu akzeptieren. Vieles in meiner Arbeit ist vom Unerwarteten geprägt. Zufälle und Unvollkommenheiten – und die Art und Weise, wie man mit ihnen umgeht – sind ein wesentlicher Bestandteil des kreativen Prozesses.
Die erste Begegnung mit dem Negativ
Viele Fotografinnen und Fotografen beschreiben den ersten Blick auf ein entwickeltes Negativ als einen besonderen Moment. Was geht dir durch den Kopf, wenn du einen frisch entwickelten Filmstreifen in den Händen hältst? Worauf achtest du dabei zuerst?
Kit: Der erste Blick auf die Negative ist immer ein spannendes Erlebnis. Idealerweise lasse ich etwas Zeit vergehen, bevor ich sie betrachte. Ich nehme einen Kontaktbogen, markiere die interessanten Aufnahmen mit einem roten Stift durch einen Schrägstrich und lege ihn dann für einige Tage zur Seite. Anschließend wiederhole ich den Vorgang. Es kann mehrere Wochen dauern, in denen ich einen Kontaktbogen immer wieder betrachte, bevor sich die vielversprechenden Bilder wirklich offenbaren.
Meiner Erfahrung nach halten die Bilder, die ich zu Beginn dieses Auswahlprozesses auswähle, meist nicht dem Test der Zeit stand. Die interessanteren Aufnahmen brauchen mehr Zeit, um verstanden zu werden, und erfordern zudem ein höheres Maß an Interpretation in der Dunkelkammer. Manchmal landen jedoch auch die intensiv betrachteten Kontaktbögen wieder in meinen Negativordnern.
Ich führe das darauf zurück, dass ich noch keine konkrete Vorstellung davon habe, in welche Richtung sich die Arbeit entwickeln soll. Zeit hilft dabei meist, weshalb es oft viele Jahre dauern kann, bis ich bestimmte Abzüge oder Werkserien umsetze. Ich denke, es ist wichtig, solche Entscheidungen nicht zu überstürzen.
Die Dunkelkammer als kreativer Raum
Die Bildwirkung entsteht im kreativen Prozess zwischen Negativ und fertigem Bild, in dem Stimmung und Ausdruck gezielt gestaltet werden. Wie beeinflusst die Arbeit in der Dunkelkammer deine kreative Vision, und welche Möglichkeiten eröffnet sie dir, die du anderswo nicht findest?
Kit: Ich nutze das Fotografieren und das Anfertigen von Bildern, um zu zeigen, wie ich die Dinge sehe – nicht, wie sie aussehen. Das Negativ dient mir als Ausgangspunkt, und durch eine Reihe praktischer und ästhetischer Entscheidungen beginne ich dann, den Fokus zu verschieben, indem ich Wirkungen verstärke oder abschwäche, mit dem Ziel, in der Dunkelkammer einen endgültigen Abzug zu schaffen, der, so hoffe ich, ein wenig mehr zeigt als das, womit ich begonnen habe.
Bei der Arbeit in der Dunkelkammer hat der Printer das große Privileg, in jenem Raum zu arbeiten, der zwischen dem Objektiv des Vergrößerers und dem leeren Blatt Papier auf dem Vergrößerungsrahmen existiert. Dieser Raum ist voller poetischer Möglichkeiten – ein Ort, an dem das Gewicht des Lichts seine endgültige Form findet.
In meinen Workshops sage ich den Teilnehmenden oft, dass beim Anfertigen eines Abzugs in der Dunkelkammer eine gewisse Magie im Spiel ist. Eine Art von Magie, die ich weder vollständig verstehe noch erklären kann. Vielleicht hat sie mit der Verwandlung zu tun, die stattfindet, wenn eine vergangene Erfahrung – das Negativ – interpretiert oder neu erdacht wird, um ein Bild hervorzubringen, das zum ersten Mal gesehen wird – den Abzug. Es geht um das Unbekannte und darum, Schönheit dort zu finden, wo man sie am wenigsten erwartet.
Handwerk im Zeitalter unbegrenzter Möglichkeiten
In einer Welt, in der digitale Bearbeitungswerkzeuge nahezu unbegrenzte Möglichkeiten bieten: Was macht das Erlebnis, einen Abzug in der Dunkelkammer zu erstellen, so einzigartig? Gibt es etwas an diesem haptischen und handwerklichen Prozess, das deine Beziehung zum Bild grundlegend verändert?
Kit: Ein Freund lieh mir eine digitale Leica M. Ich machte Hunderte Aufnahmen und vergaß dabei oft, dass ich nicht mit Film fotografierte. Als ich die Kamera zurückgab, fragte er mich, warum die Speicherkarte noch voll sei und ob ich die Bilder heruntergeladen hätte. „Oh nein“, antwortete ich. „Ich kann die Dateien ja nicht mit in die Dunkelkammer nehmen, also gibt es kaum einen Grund, sie herunterzuladen …“
Obwohl meine Abzüge nur in sehr kleinen Editionen erhältlich sind, ist in Wirklichkeit jeder Abzug ein Unikat. Schon winzigste Abweichungen in der Verdünnung der Chemikalien, in den Belichtungszeiten sowie in den Abwedel- und Nachbelichtungsschritten, bei denen ich meine Hände einsetze, um das Licht zu formen, das auf das weiße Blatt Papier trifft, führen dazu, dass keine zwei Abzüge jemals völlig identisch sind. Es ist diese unmittelbare, handwerkliche Natur des Prozesses, die einen „Print“ zu einem „Objekt“ werden lässt.
Meine Liebe zur Fotografie hat ihre Wurzeln in der Dunkelkammer und ich glaube, dass das Erscheinungsbild meiner Arbeit in den Materialien steckt. Natürlich könnte ich digital fotografieren und in der Nachbearbeitung Filter und Körnung einsetzen, doch für mich ist es gerade die organische Qualität der Ergebnisse, die in der Dunkelkammer erzielt werden, die meine Sichtweise mit dem physischen Prozess des Bildermachens verbindet. Es geht um den Tanz zwischen Licht und Alchemie, und alles hängt dabei immer an einem seidenen Faden.
Rückblick und Ausblick
Die analoge Fotografie schärft den Blick für Licht, Timing und Beobachtung. Die bewusste Arbeitsweise fördert eine intensivere Wahrnehmung der Umgebung und kann langfristig sowohl das fotografische Schaffen als auch die persönliche Sicht auf die Welt prägen.
Wenn du auf dein bisheriges Werk zurückblickst: Wie hat die analoge Fotografie die Art beeinflusst, wie du die Welt siehst und interpretierst?
Kit: Ich denke, dass mir die analoge Fotografie und die Arbeit in der Dunkelkammer einen Rahmen gegeben haben, um eine bestimmte Art des Sehens zu erkunden. Letztlich findet diese Art des Sehens ihre Freiheit innerhalb der Grenzen, die das Medium selbst vorgibt: Schwarzweißfilm, Licht, Chemikalien und Papier. Ich weiß nicht, was die Zukunft für meine Arbeit bereithält, aber im Moment empfinde ich es als großes Glück, Zugang zu den Materialien zu haben, die es mir ermöglichen, das Licht in der Dunkelheit zu entdecken.
Für alle, die ihre ersten Schritte in die Welt von Film und Dunkelkammer wagen möchten: Welchen Rat würdest du Fotografinnen und Fotografen geben, die zum ersten Mal analoge Fotografie und die Arbeit in der Dunkelkammer entdecken möchten?
Kit: Finde eine Dunkelkammer und gehe regelmäßig dorthin, um das Anfertigen von Abzügen zu üben! Allzu oft lassen sich Menschen von dem Gedanken abschrecken, weil sie nicht über einen großen Raum voller hochmoderner Ausrüstung verfügen, aber man braucht nicht viel, um damit anzufangen.
Die Silbergelatineabzüge für mein erstes Booklet Paris Couplets, (2018) entstanden allesamt in einer improvisierten Dunkelkammer in einem winzigen Reihenhaus. Ich verdunkelte den Raum, indem ich eine MDF-Platte vor das Fenster setzte, stellte die Chemikalienwannen in die Badewanne und positionierte den Vergrößerer zwischen Toilette und Waschbecken. Meine (sehr verständnisvolle!) Frau musste mir zehn Minuten vorher Bescheid geben, wenn sie das Badezimmer benutzen wollte, damit ich ihr einen Weg freiräumen konnte.
Eines der wichtigsten Dinge, die man in der Dunkelkammer tun kann, ist, sich Notizen zu den entstehenden Abzügen zu machen. Das lernte ich auf die harte Tour: Jahre ohne Notizen zu meinen Abzügen rächten sich, als ich begann, meine Arbeiten auszustellen. Es ist zwar nicht unmöglich, aber es ist ein mühsamer Prozess.
© José Sarmento Matos
Das Interview führte Sonja Kruchen im Rahmen der aktuellen Ausstellung „Zwischen Stadt und Stille“ in der Leica Galerie in München.
Ausstellungszeitraum: 24. Juli bis 24. Oktober 2026