Fred Stein: das Porträtwerk eines Zeitzeugen
Robert Capa I Gerda Taro 1936
Ab Ende April würdigt die Ausstellung Fred Stein: Stadt. Leben. Porträt das Lebenswerk des Fotografen, der 1933 Deutschland verlassen musste und nach Exiljahren in Paris ab 1941 in New York City lebte. Dort widmete er sich insbesondere dem Porträt. Ob Hannah Arendt oder Albert Einstein: Einige seiner Aufnahmen gelten heute als fotografische Ikonen des 20. Jahrhunderts.
Laufzeit der Ausstellung in der Leica Galerie Wetzlar: 29. April bis 14. Juni 2026.
Die Ausgabe 4.2026 des LFI-Magazins zeigt ein umfangreiches Portfolio Steins.
Fred Stein und die Leica
„Die Leica brachte mir das Fotografieren bei.“
Mit diesem Satz hat Fred Stein (1909–1967) gern seine Erfahrungen und seinen Einstieg in die Fotografie knapp zusammengefasst. Der studierte Jurist nutzte seine Leidenschaft für das Medium nach seiner erzwungenen Emigration aus Deutschland: In Paris und später in New York wurde aus dem Amateurfotografen rasch ein hervorragender Vertreter der Street Photography.
Dass er auch als Porträtfotograf einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der Fotografie des 20. Jahrhunderts hinterlassen hat, wird mit Blick auf sein umfangreiches Porträtwerk deutlich: Im Laufe von über drei Jahrzehnten hat er mehr als 1000 Personen aus Politik, Kunst und Kultur in beeindruckenden Aufnahmen festgehalten. Von Robert Capa und Gerda Taro über Willy Brandt und Hannah Arendt bis zu Albert Einstein und Marlene Dietrich: Mit dem heutigen historischen Abstand offenbart sich ein Who’s who der 1930er- bis 1960er-Jahre.
Schon in seiner Pariser Zeit fotografierte er viele andere Exilanten, zu denen er zum Teil engen Kontakt pflegte, die er aber auch bewusst aufsuchte oder auf politischen und kulturellen Veranstaltungen fotografierte. Die Aufnahmen waren kein Selbstzweck, sondern sie sollten seiner Etablierung als Fotograf dienen, und Stein hoffte, über ein neues Netzwerk auch Kontakte zu Verlegern und Magazinen zu finden, die seine Bilder abdrucken würden.
Nach seiner Flucht in die USA setzte er seine Karriere als Fotograf fort und widmete sich verstärkt der Porträtfotografie. Sein früher Tod mit nur 58 Jahren verhinderte die Verwirklichung größerer Porträtprojekte und ließ sein Werk in Vergessenheit geraten. Es ist vor allem seinem Sohn Peter Stein zu verdanken, mit der Aufarbeitung und Pflege des fotografischen Nachlasses die Bedeutung Fred Steins wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt zu haben.
Flucht und Exil
Mit der Vorbereitung auf sein zweites Staatsexamen plante Stein eigentlich, seine Karriere als Jurist in Deutschland aufzubauen, aber bereits am 30. Juni 1933 verlor er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten nicht nur seine Existenzgrundlage durch die Entfernung aus dem Justizdienst in Dresden, sondern aus politischen und antisemitischen Gründen drohten ihm auch Verfolgung und Verhaftung. Ihm und seiner Frau Lilo blieb nur ein kurzer Moment zur Rettung in eine ungewisse Zukunft: Unter dem Vorwand ihrer Hochzeitsreise gelang dem Ehepaar Stein die Flucht über Prag nach Paris. Im Gepäck war auch die gemeinsam erworbene Leica I, die von nun an für den Lebensunterhalt wesentlich werden und Stein eine neue Existenz und Lebensperspektive bieten sollte.
Paris
Nach seiner Ankunft in Paris blickte er mit großer Aufmerksamkeit und Neugier auf das Leben und die Straßen von Paris. Immer stand der Mensch im Zentrum von Steins fotografischem Interesse. Als Teil der deutschen Emigrantencommunity in Paris pflegten Fred und Lilo Stein viele Kontakte, unter anderem zu Willy Brandt, Bertolt Brecht, Robert Capa und Gerda Taro, die sogar als Untermieterin mit ihnen die Wohnung teilte. Sie unterstützten den antifaschistischen Widerstand und boten in ihrer kleinen Wohnung im siebten Stock eines Hauses im Montmartre-Viertel vielen ihre Gastfreundschaft.
Steins Porträts entstanden zunächst ohne Auftrag und Absprache. Er besuchte so oft wie möglich politische und kulturelle Veranstaltungen. In dieser Zeit entstanden auch eindrückliche Fotografien von Heinrich Mann, Bertolt Brecht oder Ernst Busch. Nur wenige der Bilder schafften es in die Magazine der Zeit. Auffällig ist die große Nähe, die Stein in seinen Aufnahmen herstellt. Im engen Ausschnitt schuf er seine Version von Intellektuellenporträts.
New York
Nur durch Glück gelang es Stein nach Internierung und Haft, zusammen mit seiner Familie in die USA zu emigrieren. Auch nach der Ankunft in New York City am 13. Juni 1941 setzte Stein seine Porträtarbeit fort. Sein heute bekanntestes Porträt entstand am 27. Februar 1946: An jenem Tag besuchte er den damals 66-jährigen Physik-Nobelpreisträger Albert Einstein in Princeton, New Jersey.
Die Porträtfotografie wurde in den USA für Stein ein wesentlicher Teil seiner Arbeit. Nicht nur durch Veröffentlichungen und erste Ausstellungen wurde seine Arbeit wahrgenommen, sondern er erhielt mit der Kamera auch Zugang zu vielen Prominenten der Zeit. Mit vielen teilte er die Erfahrungen von Flucht, Vertreibung und Neubeginn.
Deutschland
1958 reiste Stein erstmals wieder nach Deutschland. Auch hier fotografierte er Persönlichkeiten aus Politik, Industrie, Wissenschaft, Kultur und Medien. So traf er auch Willy Brandt wieder, inzwischen regierender Bürgermeister von West-Berlin.
1961 kehrte Stein noch einmal für drei Monate nach Deutschland zurück, um ergänzende Aufnahmen für den geplanten Bildband Deutsche Porträts zu sammeln. Über 100 Persönlichkeiten sollten es am Ende werden, von denen allerdings nur eine kleine Auswahl im Stuttgarter Verlag Ernst Battenberg im Oktober 1961 veröffentlicht wurde.
Am Ende seines Lebens, von 1962 bis zu seinem Tod 1967, setzte sich Fred Stein intensiv mit der deutschen Geschichte und der Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Ein weiteres Buchprojekt, geplant unter dem Titel Das war nicht unser Deutschland. Ein Lesebuch für die Kommenden, konnte er nicht mehr fertigstellen. Gemeinsam mit seinen Porträts sollte hier eine Textanthologie von 100 deutschsprachigen Autorinnen und Autoren veröffentlicht werden. Doch das Projekt stieß bei Verlagen nur auf Ablehnung. Die Zeit schien noch nicht reif für eine intellektuelle Aufarbeitung der Nazi-Zeit auf kultureller Ebene.
Geblieben sind die eindrücklichen Porträts – sie in ihrer Gesamtheit wiederzuentdecken bleibt eine Aufgabe. Einen kleinen Ausschnitt zeigt die Ausstellung nun in der Leica Galerie Wetzlar – zusammen mit seinen besten Street-Photography-Aufnahmen.
Laufzeit der Ausstellung in der Leica Galerie Wetzlar: 29. April bis 14. Juni 2026.
Die Ausgabe 4.2026 des LFI-Magazins zeigt ein umfangreiches Portfolio Steins.
„Eine Person vollständig zu erfassen, geschieht nicht nur über die äußere Identität, sondern wird erst durch ein sichtbares Zeichen von Individualität vollkommen und überzeugend. Darum achtet der Fotograf auf Haltung, Gebärde und Ausdruck und drückt in dem kritischen Moment den Auslöser, in dem all diese Zeichen verschmelzen, um die innere Persönlichkeit zu beschreiben.“
Fred Stein
Fred Stein with the Leica I 1937 I ©Fred Stein Archive
Über Alfred Stein
Alfred „Fred“ Stein wurde am 3. Juli 1909 als Sohn eines Rabbiners in Dresden geboren. Politisch stark engagiert, wurde er mit 16 Jahren Mitglied der Sozialistischen Arbeiter-Jugend. Studium der Rechtswissenschaft in Heidelberg, München und Berlin. Am 30. Juni 1933 wurde er aus antisemitischen Gründen aus dem Justizdienst entlassen und nicht mehr zum zweiten Staatsexamen zugelassen. Im August 1933 Heirat mit Liselotte „Lilo“ Salzburg (1910–1997). Ihr gegenseitiges Hochzeitsgeschenk war eine Leica I. Anfang Oktober Flucht aus Deutschland, 1934 Eröffnung des Studio Stein in Paris. Lilo Stein unterstützte ihn in allen geschäftlichen und technischen Aufgaben. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde der Fotograf zehn Monate in Internierungs- und Arbeitslagern inhaftiert. Nach seiner Flucht aus dem Lager traf er seine Familie 1940 in Toulouse wieder. 1941 Emigration in die USA. 1952 Verleihung der amerikanischen Staatsbürgerschaft. Am 27. September 1967 starb Fred Stein nach kurzer Krankheit in New York. Sein Archiv wird von seinem Sohn, Peter Stein, gepflegt.