In the Name of Colour and Light
Die Bilder des spanischen Fotografen entstehen meist spontan an öffentlichen Orten und auf Straßen auf der ganzen Welt. Sie erzählen von surrealen und spannungsvollen Momenten, eingehüllt in Geometrie und intensives Licht.
Seit zehn Jahren bereist Victor M. Perez die Welt und sucht auf den Straßen nach kontrastreichen, rätselhaften Szenen voller Geheimnisse. Nun hat er aus 1000 Bildern 55 für ein Buch ausgewählt. Sie zeigen, dass einzigartige Geschichten erzählt werden können, wenn man mit der Kamera auf die Straße geht.
Das Interview mit Victor M. Perez
Was erleben Sie auf der Straße?
Victor M. Perez: Wenn ich mit meiner Kamera hinausgehe, erlebe ich die Straße als einen intensiven, lebendigen Raum der aufmerksamen Beobachtung und Verbindung. Ich gehe nicht mit einem starren Auftrag hinaus, sondern lasse mich von einem rein subjektiven inneren Antrieb leiten. Es ist eine Suche nach jenem subtilen, alltäglichen Herzschlag, der direkt unter der Oberfläche der alltäglichen Realität pocht, stets eingerahmt vom Gewöhnlichen, das durch Licht und Farbe zum Außergewöhnlichen wird.
Was fasziniert Sie an der Street Photography?
Die pure, unverfälschte Freude daran, ganz unerwartet einen spontanen, bedeutungsvollen Moment einzufangen und so etwas Einzigartiges zu schaffen, das einen Augenblick zuvor noch nicht existierte und auch nie wieder existieren wird. Mich reizt die Spannung zwischen dem „Fenster“- und dem „Spiegel“-Ansatz in der Fotografie – wie ein Fotograf durch ein Fenster auf die objektive Welt blicken kann, sich aber letztendlich selbst im Spiegel betrachtet, um die Realität zu interpretieren und eine persönliche Erzählung zu schaffen. Es ist die Fähigkeit, eine flüchtige öffentliche Szene in etwas Ätherisches, Geheimnisvolles, Tiefgründiges und universell Relevantes zu verwandeln.
Ihr Buch heißt In the Name of Color and Light – was bedeutet beides für Sie in der Fotografie?
Farbe ist kein dekoratives Beiwerk; sie ist eine bewusste, persönliche Sprache, die eigentliche Grammatik meiner Interpretation der Realität. Sie dient als visuelles Glossar, um emotionale Spannungsbögen zu erzeugen – von der Introspektion der Violett- und Grautöne bis hin zur Reife der Gelbtöne oder der Intensität der Rottöne. Zusammen mit dem Licht wirkt die Farbe für mich als atmosphärische Kraft, die es ermöglicht, eine Geschichte zu erahnen, selbst wenn die Motive selbst verborgen oder anonym bleiben.
In the Name of Color and Light
ISBN: 9788410024618
Verlag: La Fábrica
Erscheinungsdatum: 2025
Geometrie und Formen sind ebenfalls ein wichtiger Aspekt Ihrer Arbeit.
Für mich braucht der Inhalt die richtige Form, um widerzuspiegeln, was und wie ich sehe. In den Bildern, die mir wirklich gefallen, existiert das eine nicht ohne das andere. Neben Licht und Farbe sind es eine starke Geometrie, vorherrschende Diagonalen und die Anordnung von Objekten im Raum – stark beeinflusst von meiner Liebe zur Architektur –, die das atmosphärische Geheimnis erzeugen. Die künstlerische Abstraktion einer anonymen, verschwommenen Gestalt, eingehüllt in subjektives und intensives Licht, ist das Mittel der Erzählung. Ich nutze diese geometrischen Strukturen, um ein Gefühl der Abwesenheit oder Unruhe hervorzurufen; etwas, das da ist und die Szene prägt; in der Hoffnung, dass eine rein subjektive Komposition eine zutiefst fesselnde Geschichte erzählen kann.
Wie finden Sie Ihre Motive, und wann halten Sie ein Foto für perfekt?
Ich finde meine Motive, indem ich nach geometrischer Spannung, präziser Bildkomposition und dem dramatischen Wechselspiel von Licht und Schatten Ausschau halte. Meine Motive in dem Buch sind völlig anonyme Einzelpersonen, manchmal auch zu zweit, oft fragmentiert oder in Dunkelheit gehüllt. Was ein „perfektes“ Foto angeht, bin ich mir wirklich nicht sicher, ob es so etwas überhaupt gibt. Dies ist sehr subjektiv und hängt stark vom Einzelnen ab, vom Fotografen und vom Betrachter. Fotos, die mir wirklich gefallen, sind äußerst selten. Oft mache ich jeden Tag, an dem ich fotografieren gehe, gute Fotos, aber damit ich eines als wirklich etwas Besonderes betrachte, muss es sehr strenge Kriterien erfüllen. Mein Buch umfasst mehr als zehn Jahre Arbeit und enthält nur 55 Bilder. Ich suche nach einem Bild, das erfolgreich eine Aura der Faszination ausstrahlt und Fragen aufwirft, anstatt klare Antworten zu liefern.
Welche Rolle spielt für Sie die Kamera?
Meine prägendsten Erfahrungen habe ich mit der Leica Q-Serie gemacht, angefangen im Jahr 2015, als mich ein Freund bei Leica auf die ursprüngliche Q aufmerksam machte. Sie hat mir beigebracht, über das bloße Auge hinauszusehen, indem ich Schärfentiefe, Licht und Bildausschnitt ganz nach meinem inneren Blick gestalten konnte. Ich hatte die Q2 und fotografiere derzeit mit der Q3. Was ich daran liebe, ist die nahtlose Verbindung der manuellen Tradition der M-Serie mit einer intuitiven, leichten Bauweise. Ihr lichtstarkes 28-mm-Objektiv hat mich dazu gebracht, näher an meine Motive heranzugehen und gleichzeitig den Blick für die gesamte Szene zu bewahren. Ich fotografiere auch mit dem M-System, das ein anderes Erlebnis bietet und mir ermöglicht, verschiedene 28-mm-Objektive zu verwenden, von denen jedes das Licht auf einzigartige Weise einfängt.
Equipment: Leica Q, Q3, M10, M10-P, X-U, Elmarit-M 1:2.8/28 Asph
Haben Sie fotografische Vorbilder?
Am stärksten geprägt haben mich natürlich die Farbklassiker des 20. Jahrhunderts wie Saul Leiter, William Eggleston oder die experimentellen Arbeiten von Fred Herzog und Ernst Haas. Was Form, Komposition und geometrische Wirkung angeht, orientiere ich mich stets an Gueorgui Pinkhassov und André Kertész. In Bezug auf die Erzählweise und die Herangehensweise an die Straße und das Motiv bin ich Alex Webb und Rebecca Norris Webb, Christopher Anderson sowie Maciej Dakowicz zutiefst dankbar.
Welche Stadt und welche Straßen inspirieren Sie am meisten?
Meine Arbeit in diesem Buch erstreckt sich über vier Kontinente, doch geografische Genauigkeit steht bei meinen Bildern nie im Vordergrund. Ich lasse bewusst lokale Sehenswürdigkeiten weg, damit eine Szene überall spielen könnte. Es gibt Bilder aus San Francisco, Singapur, Abu Dhabi, New York, Paris, Barcelona, Rio de Janeiro, Hongkong, Bangkok, Kuala Lumpur, Chicago, Mailand, Miami und mehreren Naturparks auf der ganzen Welt, aber es würde mich überraschen, wenn Sie erkennen könnten, wo jedes einzelne Foto tatsächlich aufgenommen wurde. Allerdings liegen meine Wurzeln in Madrid, und seit 2021 lebe ich in Doha, was mir eine völlig andere und spannende Kulisse für meine täglichen Beobachtungen bietet. Letztendlich ist es egal, ob ich ein Langzeitprojekt in Katar fotografiere, die Karwoche in Spanien festhalte oder durch die Straßen der USA schlendere – mich inspiriert jeder öffentliche Raum, in dem Licht, Schatten und die Anonymität der Menschen aufeinandertreffen.
Über Victor M. Perez
Victor M. Perez, in Madrid geboren, lebt in Doha. Er ist Autodidakt und hat an Workshops sowie Mentorenprogrammen teilgenommen. Sein Dummy-Buch Alive at Midlife schaffte es beim Photo London/La Fábrica-Wettbewerb in die engere Auswahl und wurde im Somerset House in London sowie in der Spanischen Nationalbibliothek in Madrid ausgestellt. Zu seinen Einzelausstellungen gehören eine Auswahl aus den Projekten ONE in der Leica Galerie Madrid sowie Anyone, Anytime, Anywhere in der Leica Galerie Mailand. Sein neuestes Buch In the Name of Color and Light erreichte bei den International Photography Awards den 2. Platz in der Kategorie „Fine Art“.
© Victor M. Perez. Alle Rechte vorbehalten.