©Vera Mercer, The Bass, Paris, 2014
Es ist ein Geschenk, Vera Mercers großformatige Fotografien live in einer Ausstellung erfahren zu können. Sie entfalten eine außergewöhnliche sinnliche Präsenz: Federn, Schuppen, Blütenblätter und Früchte scheinen beinahe körperlich erfahrbar, das bewusst gesetzte Licht modelliert die Oberflächen, hebt ihre Materialität hervor und verleiht den Szenen eine theatralische, bisweilen mystische Atmosphäre.
Der Vergleich zu barocken Stillleben des 17. Jahrhunderts liegt nahe, denn Mercers opulente und präzise komponierten Fotografien erinnern an die prachtvollen Stillleben der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. Üppige Blumenbouquets, Früchte, Gefäße und tote Tiere werden zu sorgfältig komponierten Arrangements.
Mercer greift die Bildtradition des historischen Stilllebens auf, entwickelt sie jedoch konsequent weiter und verleiht ihr im Medium der Fotografie eine eigene, unverwechselbare Ausdrucksform. Mercer zitiert die traditionelle Symbolsprache, entzieht ihr aber ihre ursprüngliche religiös-moralische Verbindlichkeit. So verbindet Mercer fotografische Präzision mit einer Bildsprache, die an die zeitlose Faszination barocker Vanitas-Stillleben anknüpft.
Aelbert Jansz van der Schoor, Vanitas Still Life, c. 1600
Wie die europäischen Maler*innen des 17. Jahrhunderts verbindet Mercer Schönheit mit Vergänglichkeit. Doch während barocke Künstler*innen Vergänglichkeit häufig durch Symbole wie Schädel oder Sanduhren darstellten, liegt sie bei Mercer unmittelbar in den Dingen selbst. Verwelkende Blumen, überrreife Früchte oder tote Tiere erzählen ohne zusätzliche Symbole vom Vergehen. Vera Mercer hebt sich zudem deutlich von den historischen Vorbildern durch eine intensivere Farbigkeit und durch den Einsatz großer Formate ab, wie beispielsweise in Wild Quiet Turkey, aufgenommen 2011 in ihrer zweiten Heimat Omaha, Nebraska.
©Vera Mercer, Wild quiet Turkey, Omaha, 2011
Diese radikale Vanitas-Studie zwischen Leben und Vergänglichkeit, zwischen Faszination und Unbehagen, verbildlicht diesen immerwährenden Dualismus: fürchterliche Schönheit – denn alles, was auf dem Tisch zu sehen ist, wird vergehen. Blumen verwelken, Pilze verderben, Kerzen erlöschen, Zeit vergeht. Beim Betrachten von Vera Mercers Fotografien wird deshalb vor allem eines deutlich: Die Schönheit des Augenblicks ist immer auch eine Erinnerung an seine Begrenztheit und dies verleiht den Werken eine außergewöhnlich tiefe ästhetische Dimension.
Die Tatsache, dass Vera Mercer fotografisch arbeitet, macht ihre Bilder im Vergleich zu ihren historischen Referenzen jedoch keineswegs weniger künstlich. Im Gegenteil: Auch Vera Mercer konstruiert ihre Wirklichkeit(en). Sie sucht Gegenstände aus, sammelt sie, kombiniert sie und arrangiert sie zu einer neuen Ordnung. Die Fotografie dokumentiert also nicht einfach eine vorgefundene Situation. Sie hält eine bewusst hergestellte Ordnung fest, jedes Detail ist inszeniert.
©Vera Mercer, Calf’s Feet, Paris, 2012
Ihre Wurzeln im Theater und ihre frühe Ausbildung im Tanz sind dabei spürbar: Mercers Stillleben besitzen eine choreografische und bühnenhafte Qualität. Ihr intensives Licht lässt die Dinge plastisch hervortreten, während dunkle Hintergründe eine dramatische Atmosphäre schaffen. Kein Element ist dem Zufall überlassen, so wie es bei den feierlichsten Ritualen üblich ist, wo das menschliche Handeln alles durchdringt. Dies verleiht den Dingen eine szenografische Präsenz, die Welt wird mal zur reduzierten, mal zur überbordenden Kulisse.
So wird das Stillleben bei Vera Mercer zu einem Tableau des Lebens: üppig und sinnlich, verführerisch und verstörend, zugleich gegenwärtig und zeitlos. Die traditionelle Bildgattung wird nicht nur zitiert, sondern in die Gegenwart überführt. Mercers Stillleben gehen auch auf ihr frühes fotografisches Interesse an Kulinarik und Alltagskultur zurück.
Schon in den 1960er-Jahren hielt sie in den Pariser Markthallen Les Halles de Paris das geschäftige Treiben der Händler sowie die Fülle an Fleisch, Fisch, Obst und Gemüse fest. Die unmittelbare Auseinandersetzung mit unverarbeiteten Lebensmitteln ist bis heute ein prägender Bestandteil ihres fotografischen Schaffens. Zugleich spielt das gemeinschaftliche Essen eine zentrale Rolle: Die für ihre Fotografien sorgfältig arrangierten Speisen sind nicht ausschließlich für die Kamera bestimmt, sondern werden nach der Aufnahme tatsächlich gemeinsam verzehrt.
Über Vera Mercer
Vera Mercer, geboren 1936 in Berlin, heiratet 1958 den späteren Eat-Art-Künstler Daniel Spoerri und übersiedelt mit ihm nach Paris. Hier taucht sie in die künstlerische Avantgarde ein, fotografiert Künstler*innen wie Marcel Duchamps und Niki de St.-Phalle. Was heute als ihr Markenzeichen gilt, beginnt sie in den 2000er Jahren: für ihre akribisch komponierten Stillleben, zunächst digital und großformatig produziert, zunehmend auch analog fotografiert und eigenhändig ausgearbeitet als Platinotypien, genießt sie internationale Anerkennung.
Still life – life still.
Ausstellung in der Leica Galerie Wien
23.10.2026 bis 9.1.2027
Kuratorinnen: Laura Ettel, Miriam Marzura
Quellen:
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Norbert Schneider, Stilleben. Realität und Symbolik der Dinge. Die Stillebenmalerei der frühen Neuzeit, Taschen, 1989.
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Matthias Harder (Hg.), Vera Mercer. New Works, DVC, 2021.
Bildnachweis:
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Aelbert Jansz van der Schoor, Vanitas Still Life, c.1660 - c. 1665, Dutch Paintings of the Seventeenth Century in the Rijksmuseum, SK-A-1342
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Vera Mercer, The Bass, Paris, 2014, mit freundlicher Genehmigung von Vera Mercer
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Vera Mercer, Wild quiet Turkey, Omaha, 2011, mit freundlicher Genehmigung von Vera Mercer
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Vera Mercer, Calf’s Feet, Paris, 2012, mit freundlicher Genehmigung von Vera Mercer