Stadt. Leben. Porträt.
Erinnerungen, Perspektiven und persönliche Einblicke - im Dialog mit Peter Stein
Sie verwalten das umfangreiche Archiv Ihres Vaters Fred Stein. Wie hat sich Ihr Blick auf sein Werk im Laufe der Jahre verändert? Gab es einen Moment, in dem Sie die historische oder künstlerische Bedeutung seiner Arbeit vollständig erkannt haben?
Als ich jünger war, sprach mich die Schönheit der Bilder meines Vaters an, und ich nahm die Komposition, das Licht und die Natürlichkeit in seinen Fotografien wahr.
Durch meine langjährige Erfahrung im Austausch mit Museumsdirektoren und Fotokuratoren begann ich, seine Arbeit stärker im Kontext der Fotogeschichte zu verstehen. Ich erkannte den Einfluss der Bewegung „Neues Sehen“ in seinen Bildern – einer Strömung der Moderne, die mit neuen und ungewöhnlichen Perspektiven arbeitete: extreme Blickwinkel, von oben und unten oder die Konzentration auf Details. Das fand ich faszinierend. Dabei erkannte ich, dass seine Menschlichkeit in den Bildern immer präsent war. Im Laufe der Jahre wurde mir das zunehmend klarer – je länger ich die Gesichter der Dargestellten betrachtete.
Welche Rolle spielen Ihre persönlichen Erinnerungen an ihn in Ihrer kuratorischen Arbeit?
Mein Vater war ein sehr großzügiger und freundlicher Mensch, ich konnte das schon als Kind beobachten, wenn er mich zum Fotografieren mitnahm. Das spiegelt sich auch heute noch wider, wenn ich mir seine Straßenfotografie anschaue. Sehr oft ist auf den Bildern jemand zu sehen, der mit dem Fotografen in Kontakt steht, und in ihren Gesichtern ist niemals Angst, Wut oder Feindseligkeit zu erkennen, denn Fred liebte die Menschen. Er hat sich niemals herablassend verhalten oder auf jemanden herabgeschaut, etwa auf arme Menschen oder Kinder. Man spürt seine Liebe und Menschlichkeit in seinen Werken. Meine Eltern hatten eine Galerie mit seinen Fotos im Flur unserer Wohnung, als ich ein Kind war, und ich habe seine Arbeit immer bewundert. Mein Lieblingsbild war „Girl in Car“.
Was war Ihnen bei der Auswahl der Werke für die Ausstellung in Wetzlar besonders wichtig?
Bei der Auswahl der Bilder für die Ausstellung war es mir wichtig, beide Seiten der Kunst meines Vaters in seinen Straßenszenen zu zeigen: sowohl seine Menschlichkeit als auch sein Talent für Komposition und Licht. Außerdem hielt ich es für wichtig, einige Porträts einzubeziehen, da diese ein weiterer wesentlicher Bestandteil seines Werks sind. Er hat über 1.200 Persönlichkeiten fotografiert, darunter einige der bedeutendsten Intellektuellen der Mitte des 20. Jahrhunderts.
Gibt es Fotografien in der Ausstellung, die für Sie eine besondere Bedeutung haben – und warum?
Das Bild „Paris Evening“ hat für mich eine große Bedeutung, weil es das Pariser Milieu heraufbeschwört, das mein Vater und meine Mutter 1934 als Flüchtlinge erlebt haben. Das Bild ist stimmungsvoll und neblig, voller Dunkelheit – es vereint Schönheit und Geheimnis zugleich, vermittelt aber zugleich auch ein Gefühl der Vorahnung. Es erinnert mich daran, wie jung sie waren und frisch verliebt, während der Krieg bereits bevorstand.
„El at Water Street“ zeigt die Neuartigkeit und den selbstbewussten, forschen Charakter New Yorks, so wie sie meinem Vater erschienen sein müssen, als er als Flüchtling aus dem alten Paris kam. Er war fasziniert von der Architektur – New York erschien ihm stark und dynamisch und verkörperte für ihn die Stärke Amerikas und eine neue Freiheit.
Ihr Vater sagte einmal: „Die Leica hat mir das Fotografieren beigebracht.“ Welche Rolle spielte die Kamera in seiner Entwicklung?
Das glückliche Zusammentreffen der neuen Leica-Kamera mit dem Pariser Exil meines Vaters war eine perfekte Kombination: Die neue Leica, diese kleine Handkamera, gab dem Fotografen die Freiheit, sich zu bewegen und schnell zu fotografieren, während er gleichzeitig die Freiheit hatte, durch Paris zu laufen. Es war perfekt. Er konnte mit seinem wunderbaren Blick und seinem großen Talent durch die Straßen streifen, leicht Kontakte zu Menschen knüpfen und seine spontanen Fotos auf der Straße machen. Momente aus dem Leben festhalten. Er lernte, was mit einer Kamera möglich war, und erweiterte die Grenzen des Möglichen.
Das Archiv umfasst Porträts von Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Hannah Arendt und Marlene Dietrich. Wie gelang es Ihrem Vater, so authentische Bilder von ihnen einzufangen? Gibt es eine Anekdote, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
In seinen Porträts suchte er nach der Wahrheit des Charakters der Person, die er fotografierte – und das erkennt man selbst in dokumentarisch entstandenen Bildern. Er verzichtete auf Requisiten und Lichteffekte. Als echter Intellektueller kannte er die Werke der Menschen, die er fotografierte, sodass er sie während der Aufnahme in ein Gespräch verwickeln konnte. Dann, wenn sie in ihre Gedanken vertieft waren, drückte er den Auslöser und hielt ein Bild der großen Denker bei der Arbeit fest. Er hatte ursprünglich nur einen zehnminütigen Termin, um Albert Einstein zu fotografieren, doch sie waren so in ihr Gespräch vertieft, dass er schließlich zwei Stunden bei ihm blieb – trotz der Einwände von Einsteins Sekretärin.
Was wünschen Sie sich, dass Besucher aus der Ausstellung mitnehmen?
Was ich mir erhoffe, dass die Menschen aus dieser Ausstellung mitnehmen – über die Schönheit und die Toleranz hinaus, die der Fotografie von Fred Stein innewohnen –, ist die Erkenntnis, dass allem sein Mut und sein unerschütterlicher Optimismus zugrunde liegen. Selbst in den dunkelsten Zeiten und trotz schwerster Entbehrungen war er in der Lage, eine solche Schönheit zu schaffen. Das ist für mich inspirierend.
Das Interview ist im Rahmen der aktuellen Ausstellung in der Leica Galerie in Wetzlar entstanden und wurde von Sonja Kruchen geführt.
Ausstellungsdaten:
Fred Stein - Stadt. Leben. Porträt.
30.4. bis 15.6. 2026