Menschen mit Anzügen und Ferngläsern
Die Geschichte einer transatlantischen Moderne

Aufbruch in Brasilien

11/02/2026

Ein oft unbekanntes Kapitel der Fotografiegeschichte wird in einer neuen Ausstellung in Frankfurt beleuchtet.

Tauchen Sie mit unserer Frankfurter Leica Galeristin Alina Hofmann in die Welt der brasilianischen Fotografie der 1940er bis 1960er Jahre ein und entdecken Sie eine Zeit der internationalen Moderne.

Black and white picture, shot by German Lorca

German Lorca "Oca", 1954

Zeitschichten

Auf dem Bild „Oca“ des brasilianischen Fotografen German Lorca (1922–2021) führt die Großmutter des Fotografen ihren Enkel zu einer architektonischen Ikone der Zukunft. Mehrere Zeitschichten überlagern sich so in der Aufnahme aus dem Jahr 1954 – die Vergangenheit durch den Blick der Großmutter kreuzt sich mit der Gegenwart des Enkelkindes, gemeinsam begeben sie sich auf den Weg zu dem futuristischen Gebäude „Oca“ im Ibirapuera-Park in São Paulo. Der Architekt Oscar Niemeyer – bekannt für seine innovativen Gebäude in der brasilianische Hauptstadt Brasília – hatte sich mit dem Namen und der Bauform seines Gebäudes an traditionellen indigenen Hütten („Ocas“) orientiert. Hier verbindet sich die eigene Geschichte des Landes mit der Suche nach neuen Ausdrucksformen der Zukunft.

Brasilianische Bildsprache

Die organische Linienführung, die geschwungenen Diagonalen und die urbanen Betonkonstruktionen mitten in einem städtischen Park verdeutlichen, was die brasilianische Moderne ausmacht: Urbane Strukturen treffen auf natürliche Linien, harte Materialien auf weiche Formensprache. Gerade der Kontrast ist es, der inspiriert. Nicht nur in der Architektur, sondern auch in der Fotografie wurde in den 1940er bis 1960er Jahren in Brasilien neu ausgelotet, wie eine moderne visuelle Sprache aussehen kann. 

Die Zeit war geprägt von einem immensen kulturellen, sozialen und politischen Umbruch: Die Einwohnerzahlen in São Paulo vervielfachen sich in kürzester Zeit, neue ambitionierte Bauprojekte sollen den Aufbruch versinnbildlichen und die Bevölkerung setzt sich aus den verschiedensten Kulturen neu zusammen. Die Bilder der zeitgenössischen FotografInnen reflektieren diesen Wandel Brasiliens und suchen nach einer neuen Bildsprache, die der Zeit des Aufbruchs, der Industrialisierung und der kulturellen Neugestaltung gerecht wird.

Von Fotoclubs und Leica Kameras

Um diese neue Bildsprache zu finden, schließen sich ambitionierte FotografInnen in Fotoclubs zusammen, um die Stadt mit der Kamera zu erkunden. Eine der größten Vereinigungen dieser Art ist der „Foto Cine Clube Bandeirante“ (gegründet 1939 in São Paulo): eine Gruppe, die die Originalität und Innovation der brasilianischen modernistischen Fotografie verkörpert. 

Zu ihnen zählt auch German Lorca, der das Bild „Oca“ aufgenommen hat. Ein Porträt von ihm, aufgenommen im Jahr 1952, wird sogar in einer Anzeige für das Unternehmen Leica verwendet. In Gesprächen mit Lorcas Sohn, die während der Ausstellungs-Vorbereitungen geführt wurden, wird deutlich, wie eng Lorca mit der Firma verbunden war. Ganze sieben Leica Kameras mit Objektiven zählte er zu seinem Besitz. Das Zitat des Fotografen auf der Anzeige macht für seinen Sohn den „Herzschlag der ganzen Fotoarbeit“ seines Vaters aus.

„Eine Fotografie entsteht für den Fotografen, und er lässt sie entstehen.“

- German Lorca

Portrait of German Loca in an advertisement for Leica

Den entscheidenden Moment zugleich abzuwarten als auch zu ermöglichen – diese Spannung ist es, die viele der Fotografien des Foto Cine Clube Bandeirante ausmacht.

Black and whit Team photo of the photo club members in São Paulo

German Lorca "No Desfile - Binóculos", 1960

Neben German Lorca nahmen zahlreiche weitere FotografInnen rege an den Aktivitäten des Fotoclubs in São Paulo teil. José Yalenti gründete den Club 1939 gemeinsam mit Benedito Duarte und Eduardo Salvatore, wobei letzterer die Vereinigung viele Jahre als Präsident mitprägte und in seiner Bildsprache piktorialistische Anklänge mit modernistischen Zügen verbindet. Mitglieder waren zudem Thomaz Farkas, Gaspar Gasparian, Marcel Giró, Nelson Kojranski oder Geraldo de Barros. Aber auch Fotografinnen wie Gertrudes Altschul, Barbara Mors oder Palmira Puig-Giró organisierten gemeinsam Ausstellungen, publizierten Zeitschriften und strebten aktiv den Austausch mit internationalen fotografischen Vereinigungen an. 

Die Fotoclub-Mitglieder kritisierten ihre Arbeiten sowohl gegenseitig bei wöchentlichen Treffen als auch im Rahmen internationaler Wettbewerbe, bei denen sie die öffentliche Kritik suchten. Diese Prozesse des Austauschs lassen sich dabei auf den Rückseiten der Fotografien ablesen: Jedes Bild wurde nach der Einreichung bei einem Wettbewerb oder einer Zeitschrift mit einem Stempel versehen, sodass die Reise des Bildes dokumentiert ist und bis heute nachvollzogen werden kann.

Zeitgeist einer neuen Ära

Wenn Bilder wie „Antúrio“, „Le Diable Au Corps“, „Reflexos“ oder „Mediúnico“ in den Blick geraten, die in der aktuellen Ausstellung gezeigt werden, fallen Parallelen zu FotografInnen wie Man Ray, Edward Steichen, Alfred Stieglitz, Florence Henri oder Germaine Krull auf. Abstraktionen, Spiegelungen oder Invertierungen werden genutzt, um den Zeitgeist einer neuen Ära international einzufangen. Mitunter werden diese visuellen Dialoge zwischen europäischen und brasilianischen FotografInnen sogar direkt angestrebt, wenn etwa ein Bild den Titel „Hommage an Mondrian“ trägt und damit dem niederländischen Maler Piet Mondrian Tribut zollt, der für seine konstruktivistischen Gemälde mit klarer Linienführung berühmt geworden ist. 

Die Anerkennung in Europa und den USA, die vielen der brasilianischen FotografInnen zuteil geworden ist, spiegelt sich sowohl historisch in den zahlreichen Wettbewerben als auch in der gegenwärtigen Ausstellungslandschaft der letzten Jahre wider. Eine Zusammenstellung brasilianischer Fotografien hat unter anderem die Tate Modern in London (2018), das Museum of Modern Art in New York (2021) oder das Fotofestival in Arles (2025) mit großem Erfolg gezeigt. Nun wird auch in Deutschland der modernistischen Fotografie aus Brasilien erstmals eine umfangreiche Gruppenausstellung gewidmet.

Ausstellungsdauer: 20. Februar bis 13. Mai 2026 
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag: 10:00 - 19:00 Uhr, Samstag: 10-17 Uhr