Die Geschichte schreibt das Foto
Am Ende des Tals
Der Schlüssel zu Rolands Geschichte liegt im Respekt vor dem Menschen. Im Jahr 2011 wanderte Roland mit seiner Ehefrau in den Schweizer Bergen. Zwischen meterweit in den Himmel ragenden Scharten und schattenverhangenen Tälern traf er dort neben der Einsamkeit, dem Einhalt und der Rückkehr auf einen Fotografen. Beim Blick in Rolands Augen entdeckte dieser darin die Leidenschaft für die Fotografie. Diese Begegnung brachte Roland dazu, jener Passion nachzugehen. 2012, während eines Urlaubs auf Kuba, lernte er den kanadischen Fotografen Danila Cosmin kennen. Er lud Roland nach Indien ein. Gemeinsam entdeckten sie die unendlich iterierende Welt der Fotografie. Später war es Melissa Farlow, die in den leidenschaftlichen Arbeiten Rolands die Umrisse seines Talents sah.
Sie bestärkte ihn auf seiner Reise in die Weiten und Tiefen der Fotografie. Diese Entdeckungsreise hat nie geendet.
Rolands Reise ist geführt von der sich immer zu ändernden Stellung der Sachverhalte. Im Jahr 2015 bekam Roland den Hinweis, dass es am Ende des Tals, in dem er selbst aufgewachsen war, noch einen Bergbauern gebe, der ein gänzlich ursprüngliches Leben führe. Roland hatte nicht mehr im Sinn, als ein Porträt dieses Bergbauern zu schießen. Doch die Begegnung mit dem über 70 Jahre alten Siegfried, mit dessen Familie, mit dessen authentischer, unverstellter Art zu leben, brachte Roland dazu, Siegfrieds Gspellhof sechs Jahre lang unzählige Male zu besuchen.
Gspell 111
So wurde aus einem Porträt eine fotografische Verewigung der Lebensweisetraditioneller Bergbauern. Ein Denkmal an eine Zeit, die im Schwinden ihrer materiellen Manifestation begriffen ist. Eine Geschichte, die vor den Fotos Rolands begann, durch sie erneut erzählt wird und sich nach ihnen weiterschreiben wird–auf andere Weise. Das Fotobuch Gspell 111 ist dabei auch zu lesen als eine Geste der Achtung den Bergen Südtirols gegenüber, der Heimat Rolands. Als eine Verneigung vor der Intimität einer auf Wiese, Heu und Holz lebenden Familie. Einer Familie, die aus dem kargen Stein die Wärme der Liebe schürft. Einer Familie, deren Geschichte in uns allen steckt. Einige Tage vor dem Tode Siegfrieds konnte Roland ihn ein letztes Mal besuchen. Siegfried sah in den Fotos Rolands keinen einzigen Mangel.
Vielmehr hatte Siegfried etwas dazugewonnen: Die Bekanntschaft mit Roland.
Roland Reinstadler hatte nie vor, Fotograf zu werden
Seine Geschichte aber hatte einen anderen Plan vorgesehen.
Wie kam es also, dass der Südtiroler, der sich immer noch als „Hobbyfotograf“ bezeichnet wissen möchte, seine erste Veröffentlichung in der Washington Post hatte. Dass er über das Vehikel der Fotografie die weltweit geschätzte National Geographic Fotografin Melissa Farlow kennenlernte. Dass sie ihn nach nur einem Gespräch zu einem Workshop in die USA
einlud. Dass er von einigen der renommiertesten Fotograf:innen der Welt lernen durfte. Wie kam es, dass der Heimatverbundene sich irgendwann in Paris vorfand – beim Signieren seines Fotobuchs Gspell 111. Rolands Fotos leben von Intuition. Selbst die technischen Einstellungen seiner Kamera basieren rein auf dem Gefühl, das die Situation vorgibt. Unverzichtbar für Rolands fotografische Praxis ist jedoch das Interesse am Menschen, unerlässlich ein Gespräch, das auf Vertrauen aufbaut. Die vorgefundene Gegebenheit gibt dann die die Komposition des Fotos vor. Der Ablauf der Zeit verändert die Geschichte. Die Geschichte bestimmt das Foto. Das Foto, das selbst Teil einer Geschichte ist. Geschichte trifft auf Geschichte. Beide verweben sich, verändern, informieren, transformieren sich. Kein Moment gleicht dem anderen, so auch kein Foto. Kein Projekt endet, wie es begann. Aber Intuition lässt sich schließlich nicht planen.
Folge deiner Leidenschaft.
Halte an deinen Träumen fest.
Und das Leben schreibt deine Geschichte.
- Roland Reinstadler
Jeder Mensch: Verbunden
Dann– und nur dann– lässt sich Rolands Ideal erreichen. Betrachter:innen seiner Fotos sollen sich als Teil der Szenerie empfinden. Wenn die Säule des Abdrückens das Vertrauen ist, so ist das Pneuma jedes einzelnen Fotos das Licht. Der Respekt, mit dem Roland dem Menschen begegnet, spiegelt sich so auch in seinen Fotos wider. Ihre Intimität, ihre Realität, ihre authentische Komposition zieht Betrachter:innen weltweit in ihren Bann. Macht sie nicht nur zum Teil der Szene. Sondern gemahnt sie daran, dass sie Teil der Conditio Humana sind. Dass jedem Mensch ein- und dasselbe Schicksal zu Teil wird. Dass Menschen weltweit Respekt gebührt. Menschen auf dem Foto, hinter dem Foto, vor dem Foto. Das gute Leben hängt genau von diesem guten Miteinander ab. Für Roland ist jeder Mensch verbunden. Seine Fotografie schafft es, diese Verbundenheit aufzuzeigen.
Die größte Kunst im Leben ist die Reduktion auf das Wesentliche - Roland Reinstadler
Über Roland Reinstadler
Die Reduktion auf das Wesentliche, fasziniert Roland auch an Leica. Die Kamera sollte ein Medium sein, das dem Moment dient, nicht umgekehrt. Rolands Leica ist dann zur Stelle, wenn die Situation sie braucht. Sie steht seiner Wertschätzung nicht im Wege, sondern unterstreicht sie. Sie hilft ihm, eine ubiquitäre Sprache für die Würde des Menschen zu finden.
Für Roland selbst liegt der Quell seiner Würde in der Zeit mit seiner Familie und seinen Freunden. Zeit in den Bergen; Zeit des Respekts. Der Natur, seiner Heimat, seinen Liebsten und sich selbst gegenüber. Der Auftrag, der es wert gewesen wäre, diese Zeit aufzugeben, kam noch nicht. „Störrische Freiheit“ nennt Roland das. Die Geschichte hat ihn geleitet und zum Foto gebracht. Warum sollte ihn ein finanzieller Gewinn von diesem Weg abbringen? Der Heimatverbundene Roland, der ungern über sich selbst spricht, und sich noch als „Hobbyfotograf“ bezeichnet wissen möchte, schließt mit Worten, deren Gravitas eine Ewigkeit ausdrücken: „Folge deiner Leidenschaft. Halte an deinen Träumen fest. Und das Leben schreibt deine Geschichte.“