Lost on Route 93
Endlose Weite, zerstreute Siedlungen und das Gebirgsmassiv der Rocky Mountains prägen die Landschaft entlang des Highways 93 im Nordwesten der USA. Für Außenstehende wirkt vieles fremd in diesen ländlichen Gegenden der Bundesstaaten Montana und Idaho. Denn zwischen der romantisierenden Vorstellung vom Wilden Westen und der harten Lebensrealität der Menschen liegen oft Welten. Kontrastreich und bildgewaltig gibt Matthew Hayes einen Einblick in eine Region voller Gegensätze.
Das Interview mit Matthew Hayes
Worum geht es in der Serie Lost on Route 93?
Matthew Hayes: Es geht um die Stimmung, die Momente und die Menschen, die den Lebensstil entlang dieses ländlichen Autobahnabschnitts durch Montana und Idaho prägen.
Was fasziniert Sie an dieser Region?
Sie ist ein Ort voller Widersprüche, und genau das finde ich unglaublich faszinierend. Viele dort leben unter schwierigen Bedingungen, und doch sind sie von einer atemberaubenden Landschaft umgeben. In der Weite und Abgeschiedenheit liegt ein Gefühl von Freiheit, und zugleich sind die Möglichkeiten und Ressourcen oft stark begrenzt. Starke Werte, die in Familie, Arbeitsethik, Religion und Gemeinschaft verwurzelt sind, stehen im Kontrast zu dunkleren Themen wie Arbeitslosigkeit, geringem Einkommen und Drogenmissbrauch. Die Grenzen zu erkunden, die diese Widersprüche definieren, fand ich aus erzählerischer Sicht besonders spannend.
Die Autobahn ist 2345 km lang und durchquert vier Bundesstaaten. Wie haben Sie Ihre Route geplant, und über welchen Zeitraum sind Sie gereist?
Das Projekt konzentriert sich auf einen 480 Meilen (772 km) langen Abschnitt durch West-Montana und Ost-Idaho, der über einen Zeitraum von sieben Jahren von 2004 bis 2011 dokumentiert wurde. Dieser Abschnitt markiert im Wesentlichen den Umkreis all jener Orte, in denen ich während dieser Zeit gelebt und gearbeitet habe. Ganz natürlich entwickelte ich eine tiefe emotionale Verbundenheit zu dieser Gegend. Ich betrachtete sie als mein Zuhause. In meiner Freizeit fuhr ich gern die Autobahn entlang – mit einer offenen, vom Zufall geleiteten Herangehensweise, die es mir ermöglichte, mich so intensiv wie möglich in die unterschiedlichen Gemeinschaften entlang der Strecke einzubinden.
Wie sind Sie mit den Menschen ins Gespräch gekommen, und wie haben sie auf Sie als Fotografen reagiert?
Ich halte es für entscheidend, zu meinen Protagonistinnen und Protagonisten eine gute Beziehung und Vertrauen aufzubauen, bevor ich sie fotografierte. Deshalb investierte ich viel Zeit darin, Leute bei lokalen Veranstaltungen kennenzulernen und Gespräche mit den unterschiedlichsten Charakteren zu beginnen, denen ich begegnete. Dann erzählte ich ganz offen über das Projekt und meine Beweggründe. Die Mehrheit reagierte aufgeschlossen und war bereit, mitzumachen. Der Prozess erforderte oft Geduld, und normalerweise verbrachte ich zunächst ein bis zwei Tage mit den Leuten, bevor ich sie zu fotografieren begann. Da ich in der Gegend lebte, konnte ich Orte und Menschen mehrfach besuchen, und ich stellte meist fest, dass sich die wirklichen Möglichkeiten erst nach einer zweiten Begegnung mit jemandem entwickelten.
Was sind die Hoffnungen und Träume der Menschen dort?
Viele haben starke traditionelle Werte und stammen aus stolzen Familien, die teilweise seit Generationen in der Region leben. Diese Traditionen weiterzuführen, gibt ihnen ein Gefühl von Stolz und Sinn. Andere fühlten sich wiederum verloren oder fanden Zuflucht an einem fernen Ort. Durch die begrenzten Möglichkeiten in der Gegend sind die Bewohnerinnen und Bewohner in ihrer Entwicklung eingeschränkt, sodass es sich um eine Mischung aus Neuanfängen und Sackgassen handelt.
Welche Rolle spielen Komposition und Bildaufbau in Ihrer Arbeit?
Das Projekt konzentriert sich eher auf den Lebensstil entlang des Highways als auf dessen physische Erkundung, weshalb die meisten meiner Fotografien Menschen zeigen. Dennoch war es mir wichtig, gelegentlich auch Umgebungsaufnahmen einzubauen, damit die Arbeit ein starkes Gefühl für den Ort vermittelt. Unabhängig vom Motiv ist die Komposition für meine Arbeit von zentraler Bedeutung und in der Regel das wichtigste Element meiner Bildsprache. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine vielschichtige Komposition mit mehreren Bildelementen und Negativraum wirkungsvolle Mittel sind, um erzählerische und intime Momente zu schaffen.
Was hat Sie dazu bewogen, in Schwarzweiß und auf Film zu fotografieren?
Was ich an der Schwarzweißfotografie auf Film am meisten liebe, ist, dass sie unsere alltägliche Realität leicht verändert und dadurch eine alternative Welt entstehen lässt, die voller Stimmung, Rätselhaftigkeit und Energie ist. Dieses Projekt entstand in einer Phase, in der ich gerade die Dunkelkammer für mich entdeckt hatte. Den gesamten Prozess von der Entwicklung bis zum Druck selbst in der Hand zu haben, bietet eine sehr greifbare Erfahrung, die sowohl erfüllend als auch meditativ ist.
Matthew's Ausrüstung
Über Matthew Hayes
Geboren 1980. Seinen Abschluss machte er in Fotojournalismus an der University of Montana. Zentral in Hayes’ Arbeit ist die Dokumentation des ländlichen Lebens und der Kultur in der Rocky-Mountains-Region im Nordwesten der USA. Seine Fotografien wurden in verschiedenen nationalen Institutionen ausgestellt und international ausgezeichnet. Zuletzt gewann er den Eyeshot Open Call 2024.
© Matthew Hayes. Alle Rechte vorbehalten.