Mexiko, Dia de los Muertos. Kerzen flackern, Stimmen überlagern sich, irgendwo liegt der Duft von Mezcal in der Luft. Zwischen Menschen, Erinnerungen und Ritualen bewegt sich Claude Sieber – leise, aufmerksam, mit nur einer Kamera um den Hals, der Leica Q3.
Was als spontane Entscheidung beginnt, wird zu einem intensiven Moment in einer faszinierenden Welt.
«Ich wollte eigentlich gar nicht gehen. Ich war emotional müde, wegen des Umzugs aus meinem Haus und Ateliers. Aber dann habe ich mich aufgerafft. Und erlebte Magisches.»
Claude Sieber
Von der Präzision zur Wahrnehmung
Claude Siebers Weg zur Fotografie beginnt nicht hinter der Kamera, sondern am Labortisch. Als Dentalkeramiker arbeitet er über Jahre hinweg an einer Disziplin, die absolute Kontrolle verlangt. Zähne so zu gestalten, dass sie nicht als künstlich erkennbar sind, bedeutet, Natur nicht nur zu verstehen, sondern sie nahezu unsichtbar zu reproduzieren.
Er hat grossen Erfolg. Diese Arbeit zwingt ihn, genauer hinzusehen. Oberfläche, Licht, Tiefe – alles wird analysiert, übersetzt und neu aufgebaut. Er beginnt zu fotografieren. Die Bilder dienen als Grundlage für die industrielle Produktion des Keramikmaterials. «Ich musste den Zahn dreidimensional nachmachen – da halfen mir meine Aufnahmen enorm.» Was zunächst als technisches Hilfsmittel gedacht ist, entwickelt sich langsam zu einer eigenen Sprache.
Wenn Fotografie zur Sprache wird
Die Bilder finden ihren Weg in Vorträge. Anfangs zögerlich, fast widerwillig – Sieber beschreibt sich selbst als introvertiert. Doch etwas passiert, sobald die Bilder sichtbar werden. «Die Leute waren begeistert.» Es bleibt nicht dabei. Er beginnt, seine Präsentationen zu erweitern, bringt eigene Naturbilder ein, schafft Kontraste zwischen technischer Perfektion und emotionaler Bildsprache.
Die Resonanz wächst. Internationale Kongresse, volle Säle, eine Karriere, die sich immer weiter ausdehnt. Und gleichzeitig wächst ein Gefühl, das schwerer wiegt als Erfolg.
«Ich wollte die Fotografie tiefer erleben.» Es ist kein abrupter Bruch, sondern ein leiser Übergang. Die Fotografie beginnt, sich vom Zweck zu lösen und Raum einzunehmen.
Ein persönlicher Neuanfang
Reisen werden zu einem festen Bestandteil seines Lebens. Jeder Vortrag wird zur Gelegenheit, länger zu bleiben, tiefer einzutauchen, andere Perspektiven zu entdecken. Die Kamera ist dabei, aber sie dient nicht mehr nur der Dokumentation.
«Die Fotografie wurde zur grossen Leidenschaft.»
Mit der Zeit wird klar, dass sich etwas grundlegend verschoben hat. Sieber entscheidet sich bewusst, seine erfolgreiche Karriere hinter sich zu lassen. Sein letzter grosser Auftritt – ein Vortrag vor 3’500 begeisterten Leuten – wird gleichzeitig sein Abschied. «Das war mein Abgang. Ein sehr schöner.» Was danach folgt, ist kein Rückzug, sondern eine Öffnung. Mehr Raum, mehr Freiheit, mehr Ungewissheit.
Mexikos Zauber
Die Reise nach Mexiko wird zum Symbol dieser neuen Phase. Ohne grosse Planung, aber mit einem klaren Ziel: die Rituale rund um den Dia de los Muertos mitzuerleben, sowie Mezcalfarmen zu besuchen. Und einer bewussten Entscheidung: nur eine Kamera. Die Leica Q3. «Der Beschluss, trotz meiner damaligen Müdigkeit nach Mexiko zu reisen, hing mit dem Entscheid zusammen, nur diese eine Kamera mitzunehmen.» Diese Reduktion verändert alles. Keine Auswahl, keine Ablenkung, kein Ausweichen. Stattdessen eine direkte, unmittelbare Auseinandersetzung mit dem, was vor ihm liegt.
Während des Día de los Muertos bewegt sich Sieber durch eine Welt, die gleichzeitig fremd und unglaublich nah wirkt. Häuser werden zu Orten der Erinnerung, Altäre empfangen die Verstorbenen, Friedhöfe verwandeln sich in Treffpunkte zwischen den Welten. «Sie glauben, dass die Geister der toten Angehörigen für drei Nächte zurückkehren. Die entsprechenden Rituale sind faszinierend.»
Die Leica Q3 – Reduktion als Befreiung
Mit der Leica Q3 wird er Teil dieser Realität, ohne sie zu stören. Die Kamera bleibt unauffällig, fast beiläufig – und genau darin liegt ihre Stärke. «Mit ihr hast du den realen Blick, klar, reduziert. Und du fällst nicht auf.» Ob schwierige Lichtverhältnisse, Mischlicht oder dunkle Szenen – die Kamera folgt ihm, statt ihn zu bremsen. Besonders überrascht ihn die Nähe, die möglich wird, ohne aufdringlich zu sein. «Ich konnte sogar im Makrobereich arbeiten – das hat mich beeindruckt.»
Das 28mm-Objektiv fordert ihn heraus, zwingt ihn näher an die Menschen, näher an die Situation. Anfangs ungewohnt, dann befreiend. «Alles ist verschmolzen. Du bist mittendrin.» Momente entstehen nicht mehr durch Planung, sondern durch Präsenz. Begegnungen entwickeln sich spontan, Vertrauen entsteht im Augenblick. «Plötzlich wollten diese zurückhaltenden Menschen, dass ich fotografiere. Und dass ich mit ihnen Mezcal trinke.» Es ist diese Mischung aus Distanz und Nähe, die seine Bilder prägt. Nicht inszeniert, nicht kontrolliert – sondern erlebt.
Persönliche Reflexion
«Ich bin ein spiritueller Fotograf, nicht ein technischer.» Dieser Satz wirkt wie eine Zusammenfassung seines Weges. Nach Jahrzehnten, in denen Präzision und Kontrolle im Mittelpunkt standen, sucht Sieber heute etwas anderes. Nicht die perfekte Oberfläche, sondern das, was darunter liegt.
Er beobachtet die Entwicklung seiner ehemaligen Branche genauso wie die der Fotografie: Automatisierung, Digitalisierung, künstliche Perfektion. «Heute kann man vermeintlich alles machen. Da geht oft die Essenz, die Seele verloren.» Für ihn liegt der Wert nicht in der technischen Möglichkeit, sondern in der Erfahrung selbst. «Ich muss den Geist im Handwerk sehen.» Seine Bilder sind keine Antworten. Sie sind Annäherungen.
Claude Sieber
Der 70-jährige Claude Sieber ist ehemaliger Dentalkeramiker, internationaler Referent und Fotograf. Nach einer globalen Karriere in der Zahntechnik widmet er sich heute vollständig der Fotografie und persönlichen Projekten zwischen New York, Mexiko und Südamerika. Sein Wissen über die Bildgestaltung, Wahrnehmung und Lichtführung teilt er seit fast 20 Jahren in Vorträgen und Workshops. Seine Fotografien wurden international ausgestellt und publiziert, unter anderem in folgenden Büchern und Publikationen:
«VOYAGE», «INSIDE – The Art of Seeing The Invisible», «Light» «MOTIVATION», «CL!CK», «StreetArt of Brooklyn NY».