Der Große Preis der Niederlande
Vom Hören zum Dabeisein
2020 bin ich nach Haarlem gezogen. Seitdem ist der Klang von Rennwagen zu einer gelegentlichen Begleitmusik meines Lebens geworden. Von meinem Zuhause, nur acht Kilometer von der Rennstrecke entfernt, kann ich regelmäßig das unverwechselbare Aufheulen der Rennwagen hören, wenn sie auf dem Circuit Zandvoort beschleunigen. Der Klang trägt durch die ganze Stadt, manchmal schwach und fern, manchmal überraschend klar, je nachdem, aus welcher Richtung der Wind weht. Er erinnert mich immer wieder daran, dass eine der bedeutendsten Rennstrecken der Welt praktisch direkt vor meiner Haustür liegt.
Und doch hatte ich trotz dieser Nähe noch nie ein Formel-1-Wochenende in Zandvoort selbst erlebt. Ich hatte die Rennwagen gehört, die Rennen verfolgt und gesehen, wie riesige Menschenmengen in die Stadt strömten, war aber nie selbst Teil dieses Geschehens gewesen. Als Leica mich deshalb bat, die Menschenmengen und Fans beim Großen Preis der Niederlande 2026 zu fotografieren, dem letzten Formel-1-Rennen auf dieser Strecke, hatte ich das Gefühl, einen Teil der Motorsportgeschichte mitzuerleben. Ich war wirklich aufgeregt. Es fühlte sich an wie die Gelegenheit, endlich etwas selbst zu erleben, das ich jahrelang nur aus der Ferne gehört hatte.
Der Auftrag hatte noch einen weiteren Aspekt, der ihn besonders interessant machte. Leica bat mich, ihre neueste Kamera, die SL3-P, zu verwenden, direkt vom Reißbrett in Wetzlar. Für mich bedeutete das eine erhebliche Veränderung. Ich war mein ganzes Leben lang Leica-M-Fotograf und das M-System hatte meine Herangehensweise an die Fotografie geprägt. Ich war manuelle Fokussierung, ein kompaktes Gehäuse und den bewussten Prozess gewohnt, einen Moment vorauszuahnen, anstatt mich darauf zu verlassen, dass die Technik ihn für mich findet.
Matt´s Ausrüstung
Nun bekam ich etwas völlig anderes in die Hand: eine leistungsstarke spiegellose Vollformatkamera, die Leica SL3-P, ausgestattet mit einem 44-Megapixel-CMOS-Sensor und dem L-Mount-System. Sie versprach Geschwindigkeit, hohe Auflösung und eine Autofokusleistung, die mir völlig unbekannt war.
Ich fragte mich, wie sich die Kamera in der Praxis anfühlen würde. Würde ich sie nach Jahren mit einer M als schwer oder unhandlich empfinden? Würde ihr markanteres Erscheinungsbild mich unter Tausenden von Fans auffälliger machen? Und noch wichtiger: Würde ich wirklich Freude daran haben, sie zu benutzen? Der Wechsel der Ausrüstung ist immer mit einer gewissen Unsicherheit verbunden, besonders dann, wenn die Kamera, an die man gewöhnt ist, fast zu einer Erweiterung der eigenen Sichtweise geworden ist.
Am Morgen des Super Friday sprang ich auf mein Fahrrad und machte mich über den Radweg auf den Weg nach Zandvoort. Die Strecke war mir vertraut, doch die Atmosphäre war völlig anders. Die normalerweise ruhige Fahrt hatte sich durch die Ankunft Tausender Formel-1-Fans verändert. Orangefarbene Shirts, Fahnen und Banner säumten die Straßen. Gruppen von Fans machten sich auf den Weg zur Rennstrecke und waren bereits ganz von der Aufregung des Wochenendes erfasst.
Ich schlängelte mich durch die ausgelassenen Menschenmengen und musste dabei gelegentlich Radfahrern, Fußgängern und, etwas überraschend, auch dem einen oder anderen Ferrari ausweichen. Je näher ich der Rennstrecke kam, desto intensiver wurde die Atmosphäre. Der Klang der Rennwagen, an den ich mich von zu Hause aus gewöhnt hatte, wurde nun lauter und unmittelbarer.
Als ich außerhalb der Rennstrecke ankam, fand ich mich in einem Meer orangefarbener Begeisterung wieder. Überall waren Fans: Sie lachten, riefen, schwenkten Fahnen und fotografierten einander. Fast sofort begann die SL3-P meine Arbeitsweise zu verändern. Ihre Fähigkeit, schnell zu fokussieren und die Gesichter von Menschen sicher zu erfassen, konnte mein manueller Messsucher schlicht nicht bieten. Anstatt jede Bewegung vorauszuahnen und den Fokus sorgfältig anpassen zu müssen, konnte ich mich viel konzentrierter auf das Geschehen vor mir einlassen.
Diese Freiheit war in den Menschenmengen besonders wertvoll. Momente tauchten auf und verschwanden fast augenblicklich: ein Fan, der sich zu einem Freund umdrehte, ein Kind, das auf die Rennwagen reagierte, ein plötzliches Lachen, eine Fahne, die unvermittelt vom Wind erfasst wurde. Die Kamera ermöglichte es mir, auf diese Momente zu reagieren, anstatt mich ständig auf sie vorbereiten zu müssen.
Und überraschenderweise verflogen meine anfänglichen Bedenken hinsichtlich der Größe der Kamera sehr schnell. Ich fiel nicht so sehr auf, wie ich befürchtet hatte, und die SL3-P fühlte sich auch nicht so wuchtig an, wie ich erwartet hatte. Im Laufe des Wochenendes begann ich vielmehr zu schätzen, wie gut ihre Geschwindigkeit und Reaktionsfähigkeit meine eigene Art zu fotografieren ergänzten.
Zum ersten Mal hörte ich den Großen Preis nicht einfach nur von meinem Zuhause in Haarlem aus. Ich war mittendrin, bewegte mich durch die Menschenmengen, erlebte den Lärm und die Energie und fotografierte die Menschen, die gekommen waren, um das letzte Kapitel der Formel 1 in Zandvoort zu feiern.
Über Matt Stuart
Matt Stuart ist ein britischer Streetfotograf, dessen aufmerksame, oft humorvolle Bilder das unerwartete Schauspiel des alltäglichen urbanen Lebens sichtbar machen. Seit mehr als 25 Jahren fotografiert er auf der Straße mit analogen und digitalen Leica Kameras. Zu seinen veröffentlichten Arbeiten zählen All That Life Can Afford und Into the Fire. Sein neuestes Buch, Reclaim the Street: Street Photography’s Moment, entstand in Zusammenarbeit mit Stephen McLaren und wurde 2023 veröffentlicht.
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