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Eine neue Dimension des M-Systems

Leica M EV1 - Stefan Daniel

12/02/2026

Stefan Daniel - Global Senior Brand Representative

Stefan Daniel begann seine berufliche Laufbahn mit einer Ausbildung zum Feinmechaniker bei der Ernst Leitz Wetzlar GmbH. Nach verschiedenen In- und Auslandsaufgaben im Leica Customer Care kam er zum Produktmanagement, wo er über viele Jahre in leitender Funktion den Aufbau eines sehr erfolgreichen Produktportfolios entscheidend mitgeprägt hat.

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Mit der M EV1 möchte Leica all jenen Fotograf*innen den Zugang erleichtern, für die das M-System aufgrund der Marke, Kompaktheit und Qualität attraktiv ist, die jedoch Respekt vor der Fokussierung mit dem Messsucher haben.

Stefan Daniel

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Mit Mut und Entschlossenheit gehen die Ingenieure in Wetzlar neue Wege. Die Leica M EV1 mit elektronischem Sucher ist eine Variante der M11 – sie erweitert das M-System um eine neue Facette, ohne dessen Seele zu verändern. Wir sprachen mit Stefan Daniel, Vice President Photo & Design. 

Erstmals stellt Leica eine digitale Messsucherkamera vor, die einen hochauf- lösenden elektronischen Sucher bietet, wie er etwa auch in der Leica Q3 und den SL3-Modellen zum Einsatz kommt. Viele Kund*innen haben sich ein solches Modell gewünscht, für andere ist es ein Sakrileg. Wie denken Sie über die neue M EV1? 

Wir sind uns im Klaren darüber, dass diese neue Produktvariante Diskussionen auslösen und polarisieren wird. Diese Diskussionen haben wir auch intern vor der Entscheidung sehr intensiv geführt. Letztendlich hat die Kundenorientierung gewonnen. Entscheidend ist, dass die Leica M EV1 keine Abkehr vom Messsucher oder gar dessen Ende bedeutet. Das Gegenteil ist der Fall: Die neue Kamera ist ein neues Mitglied in der M-Produktfamilie, aber nicht das «Familienoberhaupt».

Eine (analoge) M, die auf den Messsucher verzichtet, ist ja kein Novum. Beginnend 1963 mit der MD (basierend auf der M1) stellte Leica sein erstes Messsuchermodell ohne Sucherfenster vor, das etwa für wissenschaftliche Einsätze – an Mikroskopen oder anderen Apparaturen – gedacht war. Mit der M EV1 wird eine solche Kamera ohne sichtbares Sucher- und Entfernungsmesserfenster an der Front nun erstmals als digitale Variante auf der Strasse anzutreffen sein. Für wen ist die M EV1 die richtige Kamera? 

Die neue Variante erfüllt den Wunsch nach einer integrierten Lösung des elek tronischen Suchers. Sie wurde insbesondere von Anwender*innen gefordert, deren Sehkraft nachlässt. Wir sehen darüber hinaus Poten zial bei Menschen, für die das M-System aufgrund der Marke, Kompaktheit und Qualität attraktiv ist, die jedoch Respekt vor der Fokussierung mit dem Messsucher haben.

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Wie begegnen Sie Kritiker*innen, die in der neuen Kamera einen drohenden «Ausverkauf» der Werte befürchten, für die das seit 1954 existierende Messsuchersystem von Leica steht? 

Der optomechanische Messsucher ist und bleibt weiterhin der Kern der Leica M, der in den kommenden Jahren konsequent weiterentwickelt werden soll. Gern würde ich schon spezifischer werden, doch dafür ist es noch ein bisschen früh. Die neue Leica M EV1 ist ein zusätzliches Angebot an bestehende und auch neue Kund*innen. Idealerweise bringt sie mehr Interessierte zum M-System, die dann auch auf den Geschmack der Messsucher-M kommen. 

Es ist wohl unstrittig, dass gerade Fotograf*innen, deren Sehvermögen eingeschränkt ist, ihr Motiv mit dem elektronischen Sucher – er entstammt der Leica Q3 – und der Fokus-PeakingUnterstützung präzise und pointiert scharfstellen können. Was kann die M EV1 sonst noch auf der Habenseite verbuchen, und welche möglichen Kompromisse müssen Fotografierende dafür eingehen? 

Die M EV1 ist 40Gramm leichter als eine schwarze M11 oder M11-P. Dies mag vielleicht nicht viel erscheinen; ich persönlich empfi nde es jedoch als deutlich spürbar und sehr angenehm. Die direkte Motivkontrolle inklusive Schärfentiefe, Belichtung etc. erlaubt ein anderes Fotografi eren als mit dem Messsucher. Vor allem mit extremen Weitwinkel- oder Teleobjektiven kann das von grossem Vorteil sein. Dies ist paradoxerweise vielleicht auch ihr grösster Nachteil. Das Arbeiten mit dem Messsucher – der Blick durch ein Fenster statt auf ein Display und der Überblick über den realen Bildausschnitt – kann und soll die M EV1 nicht ersetzen. Dafür gibt es schliesslich die M11

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Beim Blick durch den Sucher der M EV1 ist ein ähnliches Bild wie bei der SL3 zu sehen: Es zeigt den exakten Bildausschnitt durch das Objektiv und die Belichtungsdaten. Wie unterscheidet sich der Gebrauch der neuen M von dem einer SL3 mit Adapter und M-Objektiven? 

Die offensichtlichsten Unterschiede sind natürlich Grösse, Gewicht und Form der M gegenüber einer SL. Darüber hinaus besitzt die M EV1 mit dem Hebel auf der Vorderseite, bei den Messsuchermodellen als Bildfeldwähler bekannt, ein neuartiges Bedienelement, das sich frei konfigurieren lässt, etwa zum Ein- und Ausschalten von Sucherlupe und Fokus-Peaking. Wenn man schon eine Leica M11 hat, passt das Zubehör zu dieser Kamera. Der M-typische Vorteil, dass man mit dem linken Auge noch die Umgebung betrachten kann, da der Sucher links angeordnet ist, gilt auch für die M EV1. 

Mit dem elektronischen Sucher eröffnen sich neue Möglichkeiten mit Blick auf die Objektive – etwa bei der Nahgrenze, bei Tele- und bei Makroobjektiven –, die Fotograf*innen bei einer modernen digitalen M auch über den Monitor oder einen optionalen elektronischen Aufstecksucher offenstehen. Wird das auch Auswirkungen auf das Portfolio der M-Objektive haben? 

Ich gehe davon aus, dass die bereits vorhandenen extremeren Brennweiten wie ein 21-mm-Summilux-M oder das 90-mm-Macro-Elmar an der M EV1 sehr populär sein werden und damit das M-System noch attraktiver machen. Ansonsten vertraue ich voll auf die Krea tivität der Anwender*innen. Ich denke, dass wir noch das eine oder andere überraschende Objektiv an der M EV1 sehen werden.