Everyday Life in Havana
Er war beim Tod Fidel Castros vor Ort und auch als die Rolling Stones spielten – Mitte der 2000er-Jahre begann der Musiker und Fotograf Johannes Barthelmes, auf Kuba zu arbeiten und hielt bedeutende Ereignisse, den ganz normalen Alltag und vor allem die herzlichen Menschen fest. Seine Bilder sind heute auch eine poetische Reminiszenz an ein Land, dessen Lage sich seit der Corona-Pandemie katastrophal verschärft hat.
Der Musiker und Fotograf wollte den Mythos Kuba in poetisch-dokumentarischer Form besser verstehen lernen. Also machte er sich neugierig auf den Weg in die Karibik und hielt in seinen Bildern einen Alltag voller Widrigkeiten mit dennoch viel Lebensfreude fest.
Das Interview mit Johannes Barthelmes
Was fasziniert Sie an Kuba besonders?
Fantastische Künstlerinnen und Künstler im Tanz, in der bildenden Kunst, im Theater, in der Literatur und natürlich in der Musik bereichern das Alltagsleben auf der Karibikinsel enorm. Der Sport wird großgeschrieben, und nirgends habe ich besseres und ästhetischeres Boxen erlebt, ein wirklicher Genuss. Die Gastfreundschaft ist riesig trotz der bescheidenen Möglichkeiten. Die Kubanerinnen und Kubaner haben verstanden, mit sehr wenig auszukommen und finden meist rasch eine improvisierte Lösung für jedes auftretende Problem. Ich habe dort eine so besondere und große Lebensfreude – alegria – kennengelernt wie nirgendwo sonst auf der Welt. Diese erstaunliche Lebensfreude, die die Menschen in Kuba tagein tagaus zelebrieren, das ist besonders.
Was wollten Sie mit Ihren Bildern festhalten?
Ich möchte dokumentieren, das Unverstellte und den Alltag wiedergeben, every day people. Aber unbedingt will ich meinen Fotografien so viel Poesie wie möglich einhauchen. Eines meiner wichtigsten fotografischen Anliegen ist es, die Würde und den großen Willen der Menschen einzufangen, die all die widrigen Lebensumstände meistern, ohne, wie es doch meist in verwöhnten Gesellschaften der Fall ist, andauernd zu lamentieren und ihnen nichts entgegenzusetzen.
Das Land befindet sich zunehmend in einer Krise, was erzählen Ihre Fotos darüber?
Auch wenn mir gar nichts daran liegt, Armut zu fotografieren, sieht man doch in vielen meiner Fotografien die teilweise extrem bescheidenen Lebensumstände. Vor der Pandemie hatten sich die allermeisten Kubanerinnen und Kubaner dank ihrer Geduld, ihrem Improvisationsvermögen, ihrer Lebensfreude, ihrer unglaublichen Resilienz mit der sehr spartanischen Realität arrangiert. Die Pandemie hat dann wegen des schwindenden Tourismus und der merkwürdigen Politik der sowieso schwer angeschlagenen Wirtschaft den Garaus gemacht. Da ich nach der Corona-Pandemie nicht wieder in Kuba war, weiß ich nur aus vielen Telefonaten mit meinen kubanischen Freundinnen und Freunden, wie katastrophal die Lage mittlerweile dort ist. Man rät mir von kubanischer Seite aus vehement davon ab, momentan nach Havanna zu kommen.
Wie war Ihre fotografische Herangehensweise?
Der Aspekt, der mir bei meiner fotografischen Tätigkeit am meisten am Herzen liegt, ist die Nähe zu meinen Protagonistinnen und Protagonisten. Wenn die Einheimischen spüren, dass du sie respektierst, ja sogar magst, dann lassen sie dich völlig zwanglos an ihrem Leben teilhaben. Zunächst war es mir wichtig, die Sprache so zu lernen, dass ich mich verständigen konnte. Wichtig war auch, keinesfalls anonym in Hotels, sondern in sogenannten casas particulares unter Einheimischen zu wohnen. Meistens bewege ich mich eine Zeit lang in einer Situation, die mir fotografische Möglichkeiten verspricht. Die Leute werden von mir darüber informiert, dass ich vorhabe, Bilder zu machen. Dann warte ich, bis man mich wieder „vergessen“ hat, und nun kann ich authentische, unverstellte Menschen fotografieren.
Die Kubaner sind ein sehr musisches Volk, lieben den Tanz und die Party, wie lässt sich diese Dynamik einfangen?
Die kubanische Musik ist rhythmisch und melodisch großartig und sie ist Tag und Nacht auf jeder Straße zu hören. Alle Kubaner lieben ihre Musik, und sobald sie erklingt, reagieren sie strahlend und beginnen zu tanzen. Egal ob auf der Straße, in einer Bar, bei einem Konzert oder in ihrem Heim. Schon die Kinder tanzen mit, und man ist erstaunt über das weit verbreitete Talent, was Rhythmus und Körpergefühl anbelangt. Es ist ja kein Geheimnis, dass Nähe enorm wichtig, ja fast unverzichtbar ist, um diese Emotionen einfangen zu können.
Sie sind selbst Musiker, inwieweit ist Fotografie für Sie „musikalisch“?
Nicht ohne Grund habe ich einige meiner Ausstellungen mit Musik in meinen Augen betitelt. Es gibt in meiner fotografischen Herangehensweise so viele Parallelen in beiden Gattungen: Intuition, schnelles Erkennen, Vorausahnen, Improvisieren, Komposition, Farbe, Rhythmus … In „meiner“ Musik – dem Jazz – ist das Improvisieren wesentlich, und die Street Photography ist diesem Element sehr verwandt – das Vermögen, schnell und aus dem Moment heraus zu komponieren. Einst schrieb eine Kritikerin über meine Fotografie, ich würde „mit Licht den Jazz malen“. Das fand ich schön.
Welche Erfahrung haben Sie mit Leica-Kameras gemacht?
Es gibt wohl kaum mit Leica vergleichbare Optiken. Dann überzeugt der Verzicht auf Tausende von Einstellmöglichkeiten, also die Reduktion auf das Wesentliche der Fotografie, was auch gutes Handwerk voraussetzt. Mir gefällt die Robustheit der Kameras und ihre Handlichkeit – meist trage ich die Kamera zwar um den Hals, aber seitlich unter meinem Sakko, unsichtbar. Dazu sehen die DNG-Dateien bei Leica einem analogen Negativ schon sehr ähnlich; sie wirken natürlich und nicht so, als wären sie schon vorbearbeitet oder glatt in den Farben.
Equipment:
Leica M (Typ 240), M9, M10, Leica Q, Summarit-M 1:2.5/35, Summilux-M 1:1.4/35 ASPH, Summilux-M 1:1.4/50 ASPH
Johannes` Ausrüstung
Sie haben Kuba auch viel in Farbe fotografiert, wir zeigen Ihre Schwarzweißaufnahmen – worin liegt für Sie der Unterschied?
Farbe in der Fotografie sollten in meinen Augen sehr bedacht eingesetzt werden. Die Farben sollten miteinander korrespondieren. Viele Farbfotografien wirken auf mich kitschig und ohne Aussage. Man darf sich nicht von der Farbwirkung allein bluffen lassen. Schwarzweiß hingegen ist schon mal ein Schritt in die Abstraktion, wirkt zeitlos und bedient die mir wichtige „Kunst der Reduktion“, ein faszinierendes künstlerisches Element, das auch in der Musik und in der Malerei wichtig ist. Natürlich spielt das Licht in der Schwarzweißfotografie eine bedeutende Rolle. Monochrom zu fotografieren ist eine anspruchsvolle Herausforderung, die der ernsthaften Fotografin und dem ernsthaften Fotografen eine Freude ist, denn sie möchten nicht einfach nur einfallslos ablichten, sondern durch scheinbar spielerisches Überwinden technischer Schwierigkeiten auch Besonderes schaffen.
Wie wird es mit Ihrer Serie auf Kuba weitergehen?
Ich warte auf den Zeitpunkt, an dem ich wieder so weit bin. Es ist auch ein finanzielles Problem, da ich ohne Auftrag arbeite. Nachdem ich ein intimes Bild von diesem liebenswerten Land in den 2010er-Jahren zeichnen durfte, ist meine Idee, Kuba nach den vielen Geschehnissen und Veränderungen erneut zu besuchen, allgegenwärtig. Also ein Projekt mit einem vorläufigen Arbeitstitel Kuba vor und nach Corona reizt mich sehr.
Über Johannes Barthelmes
Im Jahr 2000 kauft sich der international renommierte Jazzmusiker Johannes Barthelmes seine erste Kamera und beginnt, sich intensiv mit der Fotografie zu beschäftigen. Seine Leidenschaft gehört der Street-, Reise-, Porträt- und Aktfotografie, in deren Mittelpunkt immer der Mensch steht. Dabei sucht er nicht nach spektakulären Aufnahmen voller Effekte, die sofort ins Auge springen, sondern er möchte mit leiser Berührung zeigen, was den Menschen überall auf der Welt ausmacht.
https://www.youtube.com/watch?v=G4jsXMXNi_4 (Sax am Malecón)
https://www.youtube.com/watch?v=4_5aZgZw5pg (Ausstellung Mente Desnuda)
https://www.youtube.com/watch?v=TwkzhN9ElcM (Isabel Dickinson – Concha Buika)
https://www.youtube.com/watch?v=LiX169ZuErA (con mis señoras elegantes)
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